Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat es wegen eines formalen Fehlers versäumt, den Messerangreifer in einem Hamburger Supermarkt abzuschieben. Das Bamf bestätigte ZEIT ONLINE, dass das sogenannte Wiederaufnahmeersuchen an Norwegen einen Tag nach Ablauf der entsprechenden Frist im Juli 2015 gestellt worden war. Dort hatte der Palästinenser vor seinem Aufenthalt in Deutschland vergeblich einen Asylantrag gestellt. Weil die Frist verstrichen war, lehnte Norwegen den Antrag ab, die Zuständigkeit für das Asylverfahren ging damit auf Deutschland über.

Bei dem Angriff vom vergangenen Freitag hatte der Mann ein Messer aus dem Sortiment des Supermarkts genommen und damit einen Kunden erstochen, einen weiteren verletzte er lebensbedrohlich. Auf der Straße außerhalb des Marktes stach er auf drei weitere Personen ein. Er wurde schließlich von Passanten gestellt.

Das Bundesamt nannte die eigene Überlastung als eine Ursache für den formalen Fehler: "Dies geschah in einer Zeit, als bereits eine erhöhte Anzahl von Asylsuchenden in Deutschland eingetroffen war und das Bundesamt deshalb vor den allgemein bekannten, großen Herausforderungen stand." Aus Behördenkreisen war außerdem zu hören, dass auch die Einhaltung der Frist nicht in jedem Fall zur Überstellung des Mannes nach Norwegen geführt hätte. 

Abgelehnt wurde sein Asylantrag in Deutschland dann erst Ende 2016. Abgeschoben wurde er trotzdem nicht. Die Hamburger Innenbehörde erklärte dies damit, dass er weder einen Pass noch Ersatzpapiere besessen haben soll. Die Palästinensische Mission habe sich zwar bereit erklärt, ihm neue auszustellen, was aber gedauert haben soll. Der zur Ausreise nötige Pass sei noch nicht fertig gewesen, sagte der Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD). "Er war aber offensichtlich willens, auszureisen." Noch kurz vor dem Attentat in und vor einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek soll er sich beim Bamf erkundigt haben, wie es um sein Verfahren stehe.

Vor der Tat als Islamist eingestuft

Grote sagte nach dem Attentat, es habe "Hinweise auf eine Radikalisierung gegeben". Sowohl das Landeskriminalamt als auch das Landesamt für Verfassungsschutz hätten mit dem Mann gesprochen und ihn als Islamisten eingestuft, er sei in die entsprechenden Dateien aufgenommen worden. Die Behörden seien aber nicht zu der Einschätzung gelangt, dass er "unmittelbar gefährlich" sei. Am Montag hatte die für Terrorismus zuständige Bundesanwaltschaft die Ermittlungen zu dem Messerangriff an sich gezogen.

Ein radikalislamistischer Hintergrund der Tat liege nahe, hieß es. Es gebe bisher aber keine Erkenntnisse, dass der Beschuldigte der Terrormiliz "Islamischen Staat" angehöre oder Kontakt zu dessen Mitgliedern habe. Auch Hinweise auf unbekannte Tatbeteiligte oder Hintermänner lägen nicht vor. Der Mann habe sich offenbar selbst radikalisiert. Ihm werden Mord, Mordversuch und gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt.