Axel Müller weigerte sich. Er und seine Nachbarn sollten die Kirchstraße evakuieren, schnell packen, das Wichtigste mitnehmen, bevor das Wasser kommen würde. Doch Axel Müller wollte nicht gehen. Seine Frau, seine Tochter und seine Eltern verließen das Haus, nur er blieb, zusammen mit seiner Schwester. Sie wuchteten die Möbel ins obere Stockwerk, sie warfen das Notstromaggregat an. Und dann warteten sie.

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Das erste Wasser kam von unten, aus dem Keller. Müller und seine Schwester pumpten, während draußen der Garten langsam verschwand. Sie pumpten weiter, als das Wasser auch von der Seite kam und immer mehr Schlamm und Unrat an ihr Haus spülte. Ab und zu drang eine Welle durch die geschlossenen Türen – immer dann, wenn das Wasserfahrzeug der Bundeswehr vorbeirollte, um Sandsäcke ans Ende der Straße zu bringen. Doch abgesehen davon gelang es den Geschwistern, die Wohnung trocken zu halten, während draußen das Elbehochwasser 2013 die Straßen unter Wasser setzte. Ganze vierzehn Tage lang.

Es war ja nicht das erste Mal.

Seit die Elbe im sächsischen Riesa 2002 einen Pegel von fast zehn Metern erreichte, warteten die Bewohner der Riesaer Kirchstraße auf eine Schutzmauer. Keine komplizierte Konstruktion, 1,5 Kilometer lang, schmuckloser Stahl mit nur einer Funktion: die Gegend um die direkt an der Hafeneinfahrt gelegene Kirchstraße vor dem nächsten Hochwasser zu schützen.

Doch es sollte 15 Jahre dauern, bis die Schutzwand kam. 15 Jahre, in denen noch zwei Hochwasser die Stadt erreichten und ganze Wohnungen mehrmals neu eingerichtet werden mussten. 15 Jahre, in denen die Frage immer lauter wurde: Wer kümmert sich hier eigentlich um uns?

Und doch ist dies keine Geschichte eines Behördenversagens. Nein, es ist ein ganz normaler deutscher Vorgang, mit all seinen Verfahrensregularien und Ausschreibungsmodalitäten, der es am Ende unmöglich machte, die Kirchstraßenbewohner früher zu schützen.

Die Kirchstraße ist keine besonders spektakuläre Straße, aber auch nicht die langweiligste. Hier stehen Ein- und Mehrfamilienhäuser, eine Kirche mit Friedhof, ein Schloss mit betreutem Wohnen für Pflegebedürftige, sogar eine kleine Philharmonie, in der aber nur geprobt wird.

Unweit von hier liegt das Riesaer Stahlwerk, oder ein Überbleibsel davon. Zündwaren, Seife, Teigwaren und eben Stahl kamen zu DDR-Zeiten aus Riesa. Nach der Wende ist viel davon zusammengebrochen. Mit der Industrie ging auch ein Teil der Bevölkerung. Riesa versuchte sich als Sportstadt zu profilieren, Muhammad Ali war da, man investierte in eine große Eventhalle, holte Sumo- und Tanzmeisterschaften in die Stadt. Doch auch die Deutsche Stimme, das Parteiorgan der NPD, war da schon in Riesa.

Als das verheerende Elbehochwasser im Sommer 2002 die Stadt überflutet, ist kaum jemand darauf vorbereitet. Barbara Englich ist in der Nacht nicht zu Hause, ihre Schwester hat die Familie zum Grillen eingeladen. Nur die Eltern, mit denen sie, ihr Freund und ihre Tochter unter einem Dach wohnen, fahren am Abend zurück in die Kirchstraße. Englich, damals 35, erinnert sich an den nächsten Morgen, als sie zurück nach Hause fährt.