Für Menschen im Westen ist es schwer vorstellbar, welche Bedeutung der Regen in Südasien hat. Die jährlichen starken Niederschläge im Spätsommer, die Regenfälle des Monsuns, entscheiden über Einkommen und Lebensbedingungen von Millionen Bauern in einer immer noch stark landwirtschaftlich geprägten Region. Im vergangenen Jahr litten weite Landstriche Indiens unter einer Dürrekatastrophe, denn der vorangegangene Monsun war spärlich gewesen. Das gespeicherte Regenwasser reichte nicht aus, um durch die heißen und trockenen Monate zu kommen. Felder vertrockneten, Vieh verdurstete, eine ganze dörfliche Ökonomie und Lebenswelt kollabierte.

In diesem Jahr ist es die Überfülle des Wassers, die auf dem indischen Subkontinent Verwüstungen anrichtet. Bangladesch und die ostindischen Bundesstaaten Assam und Bihar sind schwer betroffen, ebenso der Himalaya-Staat Nepal. Die indische Öffentlichkeit war besonders schockiert, als das Wasserchaos vorgestern Mumbai traf, das Finanzzentrum des Landes: Straßen verwandelten sich in Flüsse, Treppen in Wasserfälle; das Netz der Nahverkehrszüge, das Adersystem des städtischen Lebens in der 20-Millionen-Metropole, stellte seinen Betrieb ein.

Am Donnerstag wurden schwere Regengüsse und Überschwemmungen aus Karatschi gemeldet, der Hafenstadt im Süden Pakistans. Aber auch im Norden des Landes, bis hinauf nach Kaschmir, werden in den kommenden Tagen unwetterartige Niederschläge erwartet. Insgesamt mindestens 1.200 Menschen sollen in Südasien in den vergangenen Wochen nach Schätzungen des Roten Kreuzes/Roten Halbmonds in den Fluten umgekommen sein. Es ist zu befürchten, dass die Zahl der Opfer weiter steigt. Mindestens 16 Menschen starben nach Medienberichten Donnerstagmorgen beim Zusammenbruch eines Wohnhauses in Mumbai. Die Unterspülung oft ohnehin fragiler Gebäude ist eine ernste Gefahr in von der Flut betroffenen Stadtvierteln.

Indien wird immer wieder von Überschwemmungskatastrophen getroffen. 2013 kostete das Zusammentreffen von Regengüssen, Erdrutschen und Überflutungen im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand vermutlich fast 1.000 Menschen das Leben. Die öffentliche Aufmerksamkeit für solche Tragödien ist freilich sehr ungleich verteilt. Als jetzt das Wasser die Straßen von Mumbai überschwemmte, berichteten die indischen Fernsehsender pausenlos und fragten zornig, warum die Stadtverwaltung keine bessere Vorsorge getroffen hätte und die Kanalisation überfordert war.

Schon vorher hatte die Katastrophe den Bundesstaat Bihar im Osten Indiens getroffen, mit wahrscheinlich über 500 Toten – weit mehr als in Mumbai. Bihar ist eine arme, unterentwickelte Region. Über ihr Schicksal hatten die nationalen Medien weit weniger leidenschaftlich berichtet.