Kurz vor Mitternacht am 18. Oktober 2015 dringt eine Horde Gewalttäter durch ein hölzernes Gartentor auf ein Grundstück in Dresden-Übigau vor. Die Männer schleudern Steine durch mehrere Fenster des Mehrfamilienhauses, illegale Böller explodieren in Räumen, in denen Menschen leben. An der Hintertür zünden mehrere Täter zwei mit Buttersäure präparierte Sprengsätze. Offensichtlich haben sie erwartet, dass die Hausbewohner dorthin fliehen würden. Einer der Sprengsätze explodiert und erschüttert das ganze Viertel. Nachbarn erzählen der Polizei am Notruftelefon aufgeregt von "Granaten".  

Der Angriff gilt einem linken Wohnprojekt. Durch die Wucht der Attacke hätten Menschen sterben können. Ausgeführt wurde sie von rechtsextremistischen Tätern. Doch die sächsische Polizei leitet Ermittlungen wegen Sachbeschädigung ein.

Monate später sitzen sieben Männer und eine Frau den nunmehr sechsten Monat in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts Dresden, flankiert von 16 Strafverteidigern, geschützt durch Sicherheitsglas. Sie alle sollen Mitglieder der rechtsterroristischen Gruppe Freital sein. Angeklagt sind sie des versuchten Mordes und der Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Als Terroristen werden sie beschuldigt, weil sie auch das Auto eines Linkspolitikers in die Luft sprengten, ein Parteibüro attackierten und selbstgebastelte Bomben an den Fenstern zweier Flüchtlingswohnungen zündeten. Fenster flogen damals aus den Rahmen, Glassplitter schossen dort durch die Räume, tödlich wie Gewehrkugeln. Ein kurz nach der Tat aufgenommenes Video zeigt die Panik der Bewohner. Ihr Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten, hatten die Täter erreicht.  

Doch bis die sächsische Justiz begriff, dass es hier um Terror geht, vergingen Monate. Schließlich nahm die Bundesanwaltschaft den Dresdner Ermittlern das Verfahren aus der Hand und sagte eine bereits terminierte Verhandlung vor dem Amtsgericht ab.

Wie sehr die sächsischen Ermittler in ihrer Einschätzung des Falles danebenlagen, zeigt sich, wenn man die Aussagen von Zeugen und Betroffenen im Gerichtssaal hört, die Hunderte Seiten an Chatprotokollen und Ermittlungsakten liest. Ausgerechnet in Sachsen, das im Kampf gegen Rechts oft nur schwer zu einer klaren Haltung findet, haben die Ermittler wichtige Hinweise auf das Motiv der Täter nicht beachtet und die Strukturen der mutmaßlichen Terrorgruppe nicht erkannt. 

Zahlreiche Beispiele zeigen, wie schludrig und blauäugig Staatsanwaltschaft und Polizei ermittelten. So interessierte sich das Operative Abwehrzentrum der Polizei OAZ – eine auf politische Motivlagen spezialisierte Ermittlungseinheit – zwar für die während einiger Razzien gefundenen Bomben-Bauanleitungen, anhand derer die Täter aus illegal beschafften Böllern tödliche Sprengladungen machten. Aber die OAZ-Beamten wollten offenbar nichts wissen von den Teleskopschlagstöcken, einer Zwille mit Stahlkugeln, asylfeindlichen Aufklebern oder einer Splitterschutzweste, die bei dem Mitangeklagten Mike Se. gefunden worden waren.  

Auch eine bei dem als Rädelsführer angeklagten Timo S. gefundene Schreckschusspistole und einen Elektroschocker betrachteten die Ermittler als für das Verfahren irrelevant. Ebenso einen Schal und einen Pullover, versehen mit den Namen der Rechtsrock-Bands Kategorie C und Stahlgewitter (samt der Anmerkung "garantiert indiziert") oder eine im Flur seiner Wohnung herumliegende Reichskriegsflagge.

Fatale Fehler. Denn so übergingen sie Hinweise darauf, dass hinter den Taten mehr stecken könnte als individuelles Fehlverhalten. Doch die Durchsuchungskommandos hatten die Anweisung, nach Sprengstoff, Handys und Datenträgern zu suchen, sagte der Ermittlungsbeamte Jürgen T. im Verhandlungssaal. Und nach nichts anderem.

Vor Gericht erläuterte T. sogar anhand präsentierter Bilder die penibel durchfotografierte Wohnung, bis in den letzten Winkel von Bad und Schlafzimmer hinein. Doch an die Reichskriegsflagge konnte er sich nicht mehr erinnern und auch nicht an eine CD der Rechtsrockband Gigi und die braunen Stadtmusikanten. Die Beamten hatten die CD gefunden, nahmen sie aber nicht mit. 

Offenbar fehlte es den Polizisten an Kenntnis und Sensibilität im Umgang mit Symbolen der rechten Szene. Und offensichtlich interessierten sich die Ermittler auch nicht für die tieferen Motive der Täter. Einer der leitenden Beamten räumte vor Gericht ein, dass ideologische Inhalte beim Sichten der beschlagnahmten Computer, Handys, Kameras und Speichersticks nur "zum Teil" eine Rolle gespielt hätten.