Die konkrete Situation am Arbeitsplatz spielt eine Rolle für die Wahrscheinlichkeit, rechtspopulistische Parteien zu wählen. Das ist ein Ergebnis einer Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Eine Gruppe Soziologen, unter anderem von der Universität Paderborn, hatte dafür Anfang des Jahres knapp 5.000 repräsentativ ausgewählte Wahlberechtigte befragt. Als derzeit stärkste rechtspopulistische Kraft in Deutschland definierten die Forscher die AfD und verglichen deshalb deren Anhänger mit Wählern anderer Parteien.

Demnach erhöht das "Gefühl von Kontrollverlust und Ausgeliefertsein" am Arbeitsplatz die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die AfD wählt – vor allem dann, wenn der- oder diejenige befristet angestellt ist oder in einem kleinen Betrieb ohne Tarifbindung arbeitet. Konkret stimmen AfD-Wähler mehr als andere Wähler folgenden Aussagen zu:

  • "Durch die Digitalisierung wird die Überwachung und Kontrolle meiner Arbeitsleistung immer größer."
  • "Ich stecke in unsicheren Billigjobs fest."
  • "Dass ich für meinen Arbeitgeber leichter erreichbar bin, bedroht mein Privatleben."
  • "Über mein Leben wird irgendwo draußen in der Welt entschieden."

Deutlich seltener als andere Wähler glauben AfD-Wähler – unabhängig von ihrem Einkommen, der beruflichen Position oder ihrem Alter –, dass der technische Wandel ihren Arbeitsplatz sichere oder dass sie berufliche Chancen in Europa und der ganzen Welt hätten. Das erklärt sich vermutlich unter anderem damit, dass besonders viele Arbeiter AfD wählen. Dabei sind Gewerkschaftsmitglieder nicht weniger empfänglich für AfD-Positionen als andere – es sei denn, sie engagieren sich aktiv in ihrer Vereinigung.

Nicht tatsächliche Lebenssituation entscheidet, sondern Sorgen um die Zukunft

Doch obwohl ein Großteil der potenziellen AfD-Wähler der "unteren Mittelschicht" angehöre, handle es sich bei ihnen keinesfalls ausschließlich um die "sozial Abgehängten", schreiben die Forscher. In einem Land, in dem gerade einmal die reichliche Hälfte der Bevölkerung (56 Prozent) sagt, dass es ihr gut geht, spiele vor allem die Sorge, ob das auch so bleibe, eine Rolle für die Empfänglichkeit für Rechtspopulismus.  

Selbst wenn ihre objektive wirtschaftliche Lage positiv ist, machen sich AfD-Wähler mehr Sorgen als andere Parteigänger: Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenslage sei der wesentlichste Treiber für die Wahl der AfD, heißt es bei der Hans-Böckler-Stiftung. Dabei komme es weniger auf die objektive soziale Lage an, sondern vor allem darauf, wie diese subjektiv wahrgenommen werde. Nicht Arbeitslosigkeit an sich ist demnach entscheidend für eine Hinwendung zur AfD, sondern die Angst davor. 

AfD-Wähler haben demnach mehr als Andere Erfahrungen mit sozialem Abstieg gemacht. Neben materiellen Sorgen spielt auch die Angst vor Gewalt und Kriminalität im eigenen Wohnumfeld für AfD-Wähler eine größere Rolle als für andere Wähler.

Das hängt möglicherweise auch mit dem geringeren Vertrauen zusammen, das AfD-Wähler der Polizei entgegenbringen. Dabei ist das noch die Institution, die das größte Vertrauen genießt. Weitaus weniger als andere Parteianhänger vertrauen sie der Bundesregierung, dem Bundestag, den Medien und anderen Parteien.

Allerdings vertraut auch in der übrigen Bevölkerung nur eine Minderheit den politischen Institutionen oder Medien. Insgesamt glaubt etwa jeder zweite Befragte, seine Interessen würden nicht ausreichend vertreten. 49 Prozent sagen, die Politik tue für sie weniger als für andere Gruppen.

Darauf müsse die Politik reagieren, fordert der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Um die Demokratie zu stärken und "vor Rechtspopulismus zu 'schützen'", müssten den Menschen Abstiegsängste und Zukunftssorgen genommen werden. Aus Gewerkschaftssicht könne die Antwort nur lauten: Mehr Tarifverträge, weniger Leiharbeit und ein Ende der Befristung von Arbeitsverhältnissen ohne Sachgrund.