Muslimische Einwanderer in Westeuropa haben einer neuen Studie zufolge deutliche Fortschritte bei der Integration gemacht. Zu diesem Schluss kommt die Bertelsmann Stiftung in ihrem Religionsmonitor 2017. Spätestens seit der zweiten Generation seien muslimische Einwanderer mehrheitlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, heißt es darin. Diese Integrationserfolge würden jedoch "von Teilen der Gesellschaft zu wenig anerkannt".   

Das liegt möglicherweise auch daran, dass die öffentliche Diskussion über muslimische Zuwanderung in jüngster Zeit vor allem von der Ankunft von Flüchtlingen seit 2015 bestimmt war – und Fortschritte bei Spracherwerb und Jobsuche schon wegen laufender Asylverfahren, fehlender Arbeitserlaubnisse und zu weniger Sprachkurse auf sich warten lassen. Sie machen immerhin ungefähr ein Viertel der etwa 4,7 Millionen Muslime in Deutschland aus. Doch Flüchtlinge, die nach 2010 kamen, wurden von der Studie nicht erfasst – obwohl der Titel einen Befund über alle Muslime zu versprechen scheint: "Muslime in Europa – integriert, aber nicht akzeptiert?"

Vielmehr befragten die Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen muslimische Zuwanderer der ersten und zweiten Generation – in Deutschland sind das vornehmlich die Gastarbeiter aus der Türkei und ihre Nachkommen. Bei ihnen schauten sich die Forscher unter anderem die Sprachkenntnisse, das Bildungsniveau, ihre Arbeitssituation und ihre sozialen Kontakte mit Nichtmuslimen an. Integration wird von den Autoren damit als Chancengerechtigkeit verstanden und nicht als kulturelle Anpassung.

"Wir verstehen unter Integration nicht die Assimilation an eine wie auch immer geartete Leitkultur. Integration in einem pluralistischen Einwanderungsland misst sich vielmehr daran, inwieweit Teilhabechancen verwirklicht werden und Pluralität – auf Basis der Verfassung – lebbar wird"
Bertelsmann Stiftung

Insgesamt wurden knapp 8.500 Menschen, Muslime und Nichtmuslime, in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich und der Schweiz befragt. Demnach unterscheidet sich in Deutschland die Erwerbsbeteiligung von Muslimen nicht mehr vom Durchschnitt der übrigen Bevölkerung, auch wenn sie deutlich weniger verdienen als Nichtmuslime. Das Niveau der Schulabschlüsse steige (auch wenn noch mehr Muslime als Nichtmuslime die Schule vor dem 17. Geburtstag verlassen), und fast drei Viertel der in Deutschland geborenen Muslime wüchsen mit Deutsch als erster Sprache auf. Fast 80 Prozent der hier lebenden Muslime verbrächten ihre Freizeit regelmäßig mit anders- oder nichtgläubigen Menschen. Ganze 96 Prozent der Muslime "betonen ihre enge Verbundenheit mit Deutschland", wie es in der Pressemitteilung der Bertelsmann Stiftung heißt.

Was heißt "eng verbunden mit Deutschland"?

Fragt man bei der Stiftung nach, was "enge Verbundenheit" genau bedeutet, ergibt sich ein etwas differenzierteres Bild. Denn in der Studie wurden die Werte für die Zustimmung, sich "sehr" zum Aufnahmeland verbunden zu fühlen, und sich "eher" verbunden zu fühlen, zusammengefasst – was in allen untersuchten Ländern zu hohen Zustimmungsraten zwischen 88 und 98 Prozent führt. Schlüsselt man es auf, sagen nur noch weniger als zwei Drittel der hier lebenden Muslime, sie fühlten sich Deutschland "sehr" verbunden, ein weiteres Drittel sagt von sich, Deutschland "eher" nahe zu stehen. Selbst in Großbritannien mit seiner langen muslimischen Einwanderertradition sagen nur 45 Prozent der Muslime von sich, sie fühlten sich "sehr" mit dem Land verbunden. In Österreich ist dieser Wert mit 37 Prozent noch niedriger. Hoch ist er dagegen in der Schweiz und in Frankreich.

Auch die Arbeitsmarktzahlen für Deutschland sind in der Originalstudie mit Sternchen versehen. Demnach soll der Anteil arbeitsloser Muslime in Deutschland mit fünf Prozent niedriger sein als der Anteil an der arbeitslosen Gesamtbevölkerung (sieben Prozent). Allerdings seien die Muslime in Deutschland eher im Niedriglohnsektor beschäftigt. Auf Nachfrage räumt die Stiftung ein, dass der Arbeitslosenanteil nur bedingt aussagekräftig sei, eben weil die Statistik die mehr als eine Million Flüchtlinge nicht betrachtet.

Das dürfte auch die großen Unterschiede zu anderen westeuropäischen Ländern erklären. In Österreich etwa ist die Arbeitslosigkeit von Muslimen mehr als dreimal so hoch wie die der Mehrheitsbevölkerung. In Frankreich, wo der Ausbildungsstand der Muslime dank des längeren gemeinsamen Lernens höher ist als in Deutschland, sind trotzdem fast doppelt so viele Muslime arbeitslos wie Nichtmuslime.

Fromme Muslime finden schwerer einen Job

Außerdem stellt die Studie fest, dass fromme Muslime auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt seien. "In Deutschland fällt es hochreligiösen Muslimen schwer, einen Job zu finden, der ihrem Qualifikationsniveau entspricht." Sie verdienten auch erheblich weniger als Muslime, die nicht fünf Mal am Tag beten und keine religiösen Symbole tragen. Als fromm bezeichnen sich in Deutschland immerhin 40 Prozent der Muslime – eine mangelnde Integration in den Arbeitsmarkt betrifft dann bei insgesamt 4,7 Millionen Muslimen in Deutschland doch eine ganze Menge Menschen.

In Großbritannien dagegen haben fromme Muslime wenige Nachteile in der Arbeitswelt. Dort sei "Bekenntnis zum Glauben  und die Ausübung im Arbeitsleben kein Tabu", wie die Bertelsmann Stiftung schreibt. Und das, obwohl die Mehrheitsbevölkerung deutlich weniger fromm ist als die muslimische Gemeinde. Die Stiftung fordert deshalb für Deutschland die rechtliche Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften: "Religiöse Symbole sollten nicht für Nachteile bei Bewerbungen sorgen, und religiöse Bedürfnisse wie Pflichtgebete und Moscheengänge sollten auch mit Vollzeitjobs vereinbar sein."

Auch in der Antidiskriminierungspolitik gebe es Nachholbedarf, kritisiert die Stiftung. Mehr als jeder dritte der befragten Muslime in Deutschland gibt an, in den letzten zwölf Monaten auf Behörden oder bei der Arbeit diskriminiert worden zu sein. In Österreich sagen das mehr als zwei Drittel.

Das deutsche Bildungssystem behindert laut der Studie ebenfalls die Integration: "Das deutsche, früh sortierende System schreibt tendenziell herkunftsbedingte Nachteile fort." Muslime hätten zudem mit Vorbehalten aus der Mehrheitsbevölkerung zu kämpfen. Fast jeder fünfte Nichtmuslim in Deutschland sagt, dass er keinen Muslim zum Nachbarn haben möchte. In Frankreich, in dem wegen seiner Kolonialvergangenheit sehr viele Muslime mit nordafrikanischen Wurzeln leben, ist dieser Wert niedriger. Dagegen lehnt jeder mehr als vierte Österreicher einen Muslim als Nachbarn ab.

Trotz dieser Einschränkungen zieht die Islamexpertin der Bertelsmann Stiftung, Yasemin El-Menouar, ein positives Fazit der Integration von Muslimen in Deutschland. Sie kann allerdings nicht sagen, wie schnell die Fortschritte im Vergleich zu anderen Minderheiten sind. Integration sei ein langer Prozess: Das sehe man zum Beispiel daran, dass die Kinder der Gastarbeiter heute deutlich besser ausgebildet seien als ihre Eltern, die damals teilweise nur mit Grundschulabschluss kamen. 

Und das, obwohl es damals im Prinzip keine Integrationspolitik gegeben habe, sagt El-Menouar. "Als die Gastarbeiter in den 1960er Jahren kamen, hat man ja gedacht, die gehen irgendwann wieder zurück." Das habe sich geändert: mit Sprach- und Integrationskursen, schnelleren Arbeitsgenehmigungen und kommunalen Initiativen zur Jobvermittlung. Daher sei sie optimistisch, dass auch die Integration der neu angekommenen muslimischen Flüchtlinge ein Erfolg werde.

Flüchtlinge - "Europa ist hier!" Flüchtlinge mit unsicherer Bleibeperspektive haben kaum Aussicht auf eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Nichtstaatliche Initiativen versuchen, so gut es geht zu helfen. © Foto: ZEIT ONLINE