ZEIT ONLINE: Herr Gebbeken, was haben Sie gedacht, als Sie von dem Anschlag in Barcelona hörten?

Gebbeken: Ich war nicht überrascht. Genau solche Terrorszenarien werden seit 15 Jahren in den relevanten Sicherheitskreisen diskutiert, in der vergangenen Zeit wurden sie leider real. Die Frage war eigentlich nur, wann es wieder passieren würde.

ZEIT ONLINE: Sie erforschen als Ingenieur, wie Gebäude, Straßen und Plätze besser gegen Terrorangriffe geschützt werden können. Was kann man gegen Anschläge wie auf der La Rambla tun?

Norbert Gebbeken, 63, ist Professor an der Universität der Bundeswehr in München und Sprecher des dortigen Forschungszentrums RISK ("Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt"). Dort erforscht der Bauingenieur, wie man Gebäude und Menschen gegen Explosionen, Anschläge oder Naturkatastrophen schützen kann. © Birgit Gleixner

Gebbeken: Ganz verhindern kann man solche Angriffe nie. Aber es gibt kluge Mittel, ihre Auswirkungen zu begrenzen, mehr Tote und Verletzte zu verhindern. Höhere Bordsteine sorgen dafür, dass Autos nicht mehr so leicht auf den Fußgängerweg rasen können. Man kann in den Innenstädten mehr Sitzbänke, Blumenkübel, Fahrradständer, Bäume oder Skulpturen aufstellen. Die wirken wie Poller und können Fahrzeuge stoppen, auch wenn sie nicht so aussehen.

ZEIT ONLINE: Der Attentäter in Barcelona nutzte einen Lieferwagen, um wahllos möglichst viele Menschen zu überfahren. Ähnliche Anschläge gab es seit Sommer 2016 in Nizza, London und Stockholm. Sind unsere Städte und Straßen zu offen, zu ungeschützt für solchen Terror?

Gebbeken: Nüchtern gesehen: ja. Viele Städte haben große Promenaden, weitläufige Prachtstraßen in ihrem Zentrum. Das sind natürlich ideale Ziele für Amokfahrten. Demgegenüber steht aber immer die Frage: Wie hoch ist die tatsächliche Eintretenswahrscheinlichkeit eines Anschlags? Ist das Risiko groß genug, um einen Umbau vorzunehmen?

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Gebbeken: Man muss die Straßen ja nicht komplett umbauen. Es würde schon helfen, wenn Autos dort nicht mehr auf 60, 70 Stundenkilometer beschleunigen können, etwa weil die Straße sehr kurvig ist oder es Verkehrsinseln oder Skulpturen gibt. Der typische Reflex von Passanten bei solchen Anschlägen ist: Erst hören sie, dann sehen sie, und dann erst reagieren sie auf die Gefahr. Das dauert ein paar Sekunden, was oft schon zu viel ist. Wenn ein Lkw aber langsamer fährt, verschafft das lebensrettende Augenblicke. 

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist das Design, wenn Sie terrorsichere Gebäude entwerfen? Ein grauer Betonblock mit dicken Wänden mag jeder Explosion standhalten, aber darin leben möchte wohl niemand.

Gebbeken: Früher war das in der Tat ein großes Problem. Manche Sicherheitsfenster etwa waren so schmal, dass Sie mehr an Schießscharten erinnerten. Heute können wir ganze Glasfassaden bauen, die explosionssicher sind, aber nicht aussehen wie eine Festung. In der Wiener Filiale von Swarovski hängt zum Beispiel ein glitzerndes Fadennetz von der Decke. Das sieht wunderbar aus und dämpft gleichzeitig den Druck bei Explosionen. Die Akzeptanz von Sicherheitsarchitektur hat dank solcher nichtsichtbaren Lösungen deutlich zugenommen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem lassen sich unmöglich ganze Städte terrorsicher machen. Wer entscheidet, welche Gebäude oder Plätze mehr Schutz bekommen? 

Gebbeken: Flächendeckender Terrorschutz macht natürlich keinen Sinn. Im Zweifel muss daher immer die Politik entscheiden, und dabei sorgfältig zwischen vier Faktoren abwägen: Welches Anschlagsrisiko besteht? Welche Sicherheit soll gewährleistet werden? Was kostet der Schutz? Und welche gesellschaftlichen Erwartungen gibt es? Es gibt Optionen, die man aus Sicht der Risikomathematik klar ablehnen muss, die aber gesellschaftlicher Konsens sind. 

ZEIT ONLINE: Wie haben die Anschläge auf das World-Trade-Center am 11. September 2001 Ihre Arbeit verändert?

Gebbeken: Wir hatten auch schon davor viele Aufträge, vor allem aber von staatlicher Seite. Es gibt viele deutsche Einrichtungen im Ausland, Munitionslagerstätten oder Atomkraftwerke, die eine Sicherheitsstrategie brauchen. Aber nach dem 11. September kamen plötzlich auch Banken, Hotels und Verlage auf uns zu, um ihre Gebäude zu schützen. Der Terror wurde bedrohlicher, er kam näher. 

ZEIT ONLINE: Als Konsequenz wurden damals die Sicherheitsbestimmungen in Flugzeugen stark erhöht. Nach dem Attentat am Berliner Breitscheidplatz im vergangenen Dezember reagierten viele Städte mit Pollern und Polizeipatrouillen auf ihren Weihnachtsmärkten. Muss immer erst etwas passieren, bevor wir Gefahren ernst nehmen?

Gebbeken: Dieses Verhalten ist menschlich. Meist kommen unsere Auftraggeber mit bestimmten Szenarien zu uns, vor denen sie sich schützen wollen. Wir entwickeln dann verschiedene Pläne und legen sie vor. Entscheiden müssen die Bauherren. Bei präventiven Maßnahmen ist oft die Antwort: Das muss nicht sein. Aber wenn genau diese Bedrohung dann woanders passiert, wünschen sich viele die Maßnahme sofort. Bei einem meiner Projekte wurde das gesamte Sicherheitskonzept quasi über Nacht umgeworfen, als Folge aus einem großen Terrorakt.

ZEIT ONLINE: Sie reagieren also eigentlich nur auf die neuesten Ideen der Terroristen?

Gebbeken: Das nicht. Aber es gibt auch keine einheitliche Formel, mit der man auf neue Anschlagsmethoden reagieren könnte. Es ist eine äußerst individuelle Aufgabe, darauf Antworten zu finden, und muss oft sehr schnell gehen.

ZEIT ONLINE: Was ist das sicherste Gebäude, das Sie kennen?

Gebbeken: Es gibt zwei, beide habe ich sicherheitstechnisch geplant, eins im Ausland und eins in Deutschland. Dort sind Schutzmechanismen eingebaut gegen alles, was man sich nur vorstellen kann. Ich möchte aber nicht sagen, um welche Gebäude es sich handelt.