Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Es hat eine Zeit gegeben, da hat Stefan Erb die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland ganz entspannt gesehen. Der Schäfer ist ein Naturfreund und als solcher fand er es gar nicht schlecht, dass die Raubtiere sich das Gebiet zurückeroberten, aus dem sie einst vertrieben worden waren. "Der Wolf ist ja scheu", dachte er sich, da werde schon nicht viel passieren bei den paar Tieren. "Wenn ihr überhaupt mal einen Wolf in der Ferne seht, habt ihr großes Glück gehabt", sagte ein Wolfsexperte damals und Erb nickte. Dass der Wolf sich in der Nachbarschaft von Erbs Stall massiv ausbreiten könnte, dass das Raubtier in die Dörfer kommt und Menschen entgegen, das hätte Erb nicht für möglich gehalten. "Und jetzt laufen sie mittags um zwölf über die Höfe."

Stefan Erb biegt um eine Ecke seines 1.200 Quadratmeter großen Stalls, der hinter der niedersächsischen Stadt Bleckede zwischen Feldern liegt. Ein paar Pferde grasen daneben auf einer Koppel, auf der anderen Seite wächst Mais bis zum Horizont. Die Schafe schauen kurz auf und kauen dann weiter. Die Tiere stehen im Heu, mit ihren gelben Marken in den Ohren, Coburger Fuchsschafe, Leineschafe, Schwarzköpfige Fleischschafe.

Erb blieb auch ruhig, als der Wolf vor fünf Jahren vier seiner Schafe riss und er sie blutverschmiert mit Kehlbissen auf der Weide fand. Wahrscheinlich ein Einzelfall, dachte er sich. Er schaffte sich Herdenschutzhunde an, große Tiere mit wuscheligem Fell, die alles und jeden anfallen, der der Herde zu nah kommt. Bei Erb funktioniert das einigermaßen gut. Er ist ein nüchterner Mann ohne Hang zum Durchdrehen. Aber selbst er ist zunehmend der Meinung, dass es mit dem Wolf so nicht weitergehen kann. Vielen seiner Kollegen, sagt er, habe der Wolf erst die Schafe und dann den Schlaf geraubt.

Wo der Wolf ankommt, da spaltet er die Menschen früher oder später in zwei Gruppen, eine nicht viel weniger emotional als die andere. Die einen jubeln, die anderen sorgen sich oder sind wütend. Da ist der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der die Aktion Ahuuu – willkommen Wolf! gegründet hat. Da sind Wolfsfreunde von Privatinitiativen wie WikiWolves, die Tierhaltern beim Aufbau von Wolfsschutzzäunen hilft. Aber es gibt auch Vereine wie die Landfrauen, die Mahnfeuer entzünden "gegen die uneingeschränkte Ausbreitung des Wolfs". Es sind zwei Gruppen, die nur schwer miteinander reden können, ohne rote Köpfe zu bekommen. Aber sie werden miteinander reden müssen.

Der Wolf hat sich in Deutschland rasanter verbreitet, als viele angenommen hatten. Gab es noch vor sieben Jahren gerade einmal sieben Rudel, sind es inzwischen um die 50. Geschätzt 500 Tiere durchstreifen die Wälder, besonders viele in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, wo es nach Schätzungen der Landesjägerschaft mehr als 100 Wölfe gibt. Der Wolf vermehrt sich stark, er wandert zügig. Schon in wenigen Jahren könnte das Beutetier in allen Bundesländern leben. Kein Problem, sagen einige, Deutschland habe Platz genug für 4.000 Wölfe. Andere fassen sich an den Kopf: 4.000? Wo soll das enden?

Der Wolf hat keine Feinde außer dem Straßenverkehr und Jägern, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen. Selbst Polizisten dürfen einen Wolf nicht einfach erschießen, wenn er angefahren vor ihnen auf der Straße liegt, so weit oben steht das Tier auf der Artenschutzliste. Diesen Aufwand hat der Wolf verdient, sagen seine Freunde. Wer den Wolf schützt, gefährdet den Menschen, meinen die andern.