Weil der deutsche Rechtsstaat gleichzeitig funktioniert und nicht funktioniert hat, lebt Jonathan Odukoya* auf acht Granitstufen vor einer Bauruine in Syrakus auf Sizilien. Auf dem Absatz vor der verbarrikadierten Tür hat er in den vergangenen drei Monaten oft übernachtet. Rechts um die Ecke ist der Bahnhof von Syrakus, links um die Ecke der Busbahnhof, wo täglich Hunderte Touristen in der antiken Küstenstadt ankommen.

Der junge Mann aus Nigeria ist einer von 918 Migranten, die Deutschland in den ersten sechs Monaten dieses Jahres zurück nach Italien abgeschoben hat. Denn gemäß den Dublin-Regeln der EU sind die deutschen Behörden nicht für seinen Asylantrag zuständig. Sondern Italien, wo er 2013 zuerst europäischen Boden betreten hat.

Dass Dublin-Rückkehrer wie Odukoya in Italien obdachlos werden, davor hatten deutsche Gerichte gewarnt. Als in den vergangenen Jahren Hunderttausende Menschen in Italien ankamen und das Asylsystem völlig überforderten, setzten deutsche Gerichte die Abschiebungen in das Land an der EU-Außengrenze in vielen Fällen aus. Zu schlecht seien die Lebensbedingungen für die Dublin-Rückkehrer, befanden die Behörden. Noch im September 2016 sah das Verwaltungsgericht München im Fall eines anderen Nigerianers die erhebliche Gefahr, "dass der Asylbewerber in Italien keine Unterkunft findet oder in überbelegten Einrichtungen auf engstem Raum oder sogar in gesundheitsschädlichen oder gewalttätigen Verhältnissen untergebracht wird". Das verstieße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

"In Deutschland war meine Zukunft"

Für Jonathan Odukoya ist es trotzdem genau so gekommen. Er deutet auf die staubigen Stufen neben ihm. "Vor Kurzem wurde mir hier im Schlaf mein Handy geklaut", sagt er. Das Gleiche ist ihm mit seiner Tasche mit all seinen Besitztümern in Catania passiert, der chaotischen 300.000-Einwohner-Stadt am Fuß des Ätna 70 Kilometer nördlich von Syrakus. Eigentlich sind die Behörden in Catania für ihn zuständig. Weil er dort bestohlen wurde und nicht zurecht kam, fuhr er nach Syrakus. Nur in Catania könnte er sich um neue Aufenthaltspapiere bemühen. Odukoya glaubt trotzdem, dass es in Syrakus einfacher ginge. "In Catania sind zu viele Flüchtlinge und Catania ist zu groß", sagt er.

Oft hat er starke Bauchschmerzen. Nierensteine hatten die deutschen Ärzte festgestellt, sagt Odukoya, im Juni hätte er in Deutschland einen Termin zur Magen- und Darmspiegelung gehabt. Aber da war er schon wieder in Italien, und ohne Papiere hat er hier keine Möglichkeit, zum Arzt zu gehen. Gegen die Schmerzen raucht er Marihuana, sagt er, und er isst fast nichts. Odukoya zieht sein rotes T-Shirt und die Ketten um seinen Hals hoch, eine silbern, eine golden. Er ist schmal. "Früher sah ich anders aus", sagt er und zuckt mit den Schultern.

Der junge Nigerianer holt seine abgelaufene Aufenthaltsgestattung aus Deutschland aus dem Geldbeutel und faltet das abgegriffene Papier auseinander. "Alles war gut", sagt Odukoya. "In Deutschland war meine Zukunft." Er hatte sich aus Nigeria nach Europa aufgemacht, weil dort immer wieder Gewalt herrscht und weil er nicht von seiner Arbeit leben konnte. Deutschland sollte es werden, weil er in der nigerianischen Hauptstadt Abuja für den deutschen Baukonzern Julius Berger eine Zeit lang als Lkw-Fahrer gearbeitet hat.