"Wir wollen kein Mädchen mehr", sagt ein 32-Jähriger, der seine Frau zu einer gynäkologischen Kontrolle in ein zentrales Krankenhaus in Jerewan gebracht hat. Seinen Namen will der Vater zweier Töchter nicht öffentlich lesen, das Thema ist heikel hier in Armenien. "Söhne sind Nachfolger in der Familiendynastie", sagt der Mann. "Sie tragen den Namen ihrer Familien und geben ihn an ihre Kinder weiter. Sie sind Schutz und Sicherheit für die ganzen Großfamilien. Deswegen will ich einen Sohn."

Mädchen sind bei vielen Eltern in Armenien unerwünscht. Und die Frauen sehen oft keinen anderen Weg, als die Schwangerschaft abzubrechen, wenn sich kein männlicher Fötus entwickelt. Für das Land mit drei Millionen Einwohnern im Südkaukasus stellt diese Entwicklung mittlerweile nicht nur ein gravierendes demografisches Problem dar. Viele der Abtreibungen finden heimlich zu Hause statt, denn eigentlich ist es zu spät für einen regulären Schwangerschaftsabbruch, wenn das Geschlecht zweifelsfrei bestimmt werden kann. Begünstigt wird die gefährliche Praxis durch ein mafiöses System korrupter Ärzte und Apotheker.

Die Verfassung mag Männer und Frauen gleiche Rechte garantieren, doch im Alltag spielt das im Grunde keine Rolle. "Armeniens Kultur gründet traditionell auf männlichen Werten. Die Frau hat immer noch eine relativ untergeordnete Rolle in dieser patriarchalischen Gesellschaft", sagt die renommierte Ethnologin Hranusch Kharatjan. Im Erbrecht mache sich das bemerkbar, dort würden die Männer bevorzugt: Der Sohn übernimmt das Kapital der Familie. Dass nicht nur die Männer weiblichen Nachwuchs vermeiden wollen, hat für Kharatjan einen weiteren Grund: In der orientalischen Welt, und dort auch in christlichen Kulturen wie Armenien, obliegt die Haus- und Familienarbeit vor allem der Frau. Die Frauen wünschten sich keine Töchter, weil sie ihren Kindern das eigene Schicksal ersparen wollten.

"Nur bitte kein drittes Mädchen"

Der Vater in der Klinik in Jerewan hätte überhaupt nichts dagegen, würde seine Frau die geplante Schwangerschaft abbrechen, wenn sich trotz aller Bemühungen kein Junge entwickelte. Für dieses Mal haben sie schon einige Beratungstermine hinter sich, dieses Mal wollen sie alles dafür tun, um das Geschlecht zu beeinflussen. "Nur bitte kein drittes Mädchen", sagt der Mann.

Er erinnert sich an die sowjetischen Zeit, als es noch keine Ultraschalluntersuchungen gab. Damals brachten die Frauen eben so lange Kinder zur Welt, bis endlich ein Junge geboren wurde. So wie in der Familie seiner Mutter: Sie hat sechs ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder.

Unter natürlichen Bedingungen kommen auf 100 neugeboren Mädchen 102 bis 106 Jungen. In Armenien stehen 100 Mädchen 113 bis 114 Jungen gegenüber. Den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) beschäftigt das Thema schon lange. Nach seiner Einschätzung werden in Armenien bis 2060 rund 92.000 Mädchen zu wenig geboren werden. Dabei legt eine Statistik des Gesundheitsministeriums eigentlich den Schluss nahe, dass die Zahl der Abtreibungen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist: Im Jahr 2000 hatte noch fast die Hälfte der Frauen (47 Prozent) einen Abbruch vornehmen lassen, inzwischen dürften es weniger als 30 Prozent sein. Doch die Zahlen bilden die Realität ohnehin kaum ab, denn viele Frauen treiben zu Hause ab. Ihre Fälle sind nicht erfasst, obwohl sie zahlreich sind: Denn die Methode ist günstig, und dass die Abtreibung geheim bleibt, ist den Frauen nur recht.

Cytotec heißt das Medikament, das die Babys tötet. Es enthält den Wirkstoff Misoprostol, der in Armenien für die Behandlung von Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüren zugelassen ist. Für einen Schwangerschaftsabbruch kann das Präparat missbraucht werden, weil es auch auf die Gebärmuttermuskulatur wirkt.

Erfundene Diagnosen, hohe Preise

Medikamente sind in Armenien grundsätzlich rezeptfrei zu haben. Jeder darf kaufen, was er oder sie wünscht. Wegen des enormen Missbrauchs ist Cytotec allerdings seit drei Jahren reglementiert, wirklich sehen wollen die Apotheker ein Rezept aber nur in der Hauptstadt Jerewan. Und selbst hier geben sie das Mittel oft ohne großes Theater einfach heraus, wenn ein Gastroenterologe oder gar ein Hausarzt es wegen vermeintlicher Magenbeschwerden verschreibt. "Es ist mir klar, dass im Hintergrund oft eine Abtreibung steht", sagt die Mitarbeiterin einer Jerewaner Apotheke. In Provinzstädten und Dörfern sind die Pharmazeuten noch kundenfreundlicher. Sie lassen auch die nicht im Stich, die gar kein Rezept für Cytotec vorlegen können. Der Preis für eine Packung beträgt etwa 4 Euro.

"Selbstverständlich haben die Tabletten schädliche Nebenwirkungen. Sie können zum Beispiel starke Blutungen auslösen", sagt Naira Vardanjan. Die 37-jährige Gynäkologin arbeitet seit zehn Jahren im Beglarjan-Krankenhaus in Jerewan. Häufig behandelt sie Patientinnen, die nach der Einnahme von Cytotec in die Klinik müssen. Vardanjan muss dann die Überreste des abgetriebenen Embryos entfernen.

Für die Ärztin selbst ist es undenkbar, dass sie eine Abtreibung im Krankenhaus vornehmen könnte. Die ledige junge Frau, die sich selbst eine Tochter wünscht, geht hart mit jenen Kollegen ins Gericht, die den Schwangerschaftsabbruch als Zusatzleistung anbieten. Deren Motivation ist einfach. Die Abtreibungen bringen ihnen mehr Geld, als sie sonst verdienen verdienen würden, und sie versteuern es auch nicht.

"In einem Wort: Korruption", sagt Vardanjan. In Armenien verdient ein Arzt, der auch Ultraschalluntersuchungen vornimmt, durchschnittlich 200 bis 400 Euro im Monat. Gynäkologen werden mit etwa 400 bis 600 Euro etwas besser bezahlt. Je älter ein Fötus ist, desto mehr Geld nehmen kriminelle Ärzte für einen Abbruch. Für die 12. bis 15. Schwangerschaftswoche kostet eine Abtreibung circa 100 bis 200 Euro. Für die 15. bis 20. Schwangerschaftswoche 400 Euro und mehr. 

Der Arzt ist zufrieden, die Patientin dankbar. Und das Gesetz?

"Es ist ein kriminelles Geschäft zwischen den Ärzten", sagt Vardanjan: "Der Bandenchef ist der Gynäkologe, er bekommt 70 Prozent der gesamten Summe. Den Rest teilen sich Ultraschallärzte, Anästhesisten und Krankenschwestern."

Von einem so durchgeführten Schwangerschaftsabbruch erfährt kein Außenstehender. Der Arzt ist zufrieden, die Patientin dankbar. Und das Gesetz? "Der Gynäkologe fälscht die Patientenakte und trägt eine erfundene Diagnose ein: Irgendeine Entwicklungsanomalie, oder er schreibt gleich, dass der Fötus nicht mehr lebe", sagt Vardanjan. In diesen Fällen besteht ein Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch.

Noch kommen in Armenien keine Bluttests zum Einsatz, die das Geschlecht eines Kindes schon in der vierten oder fünften Schwangerschaftswoche anzeigen können. "Gott sei Dank", sagt Gajane Avagjan. Sie leitet seit mehr als einem Jahrzehnt die Abteilung Schutz von Mutterschaft und Reproduktion beim Gesundheitsministerium des Landes. Aber Avagjans Gesetzentwurf, der vorsah, dass die werdenden Eltern das Geschlecht eines Babys bis zur dreißigsten Schwangerschaftswoche nicht erfahren dürfen, wurde abgelehnt. Die Begründung? Der Anspruch auf Informationsfreiheit, sagt Avagjan vor Journalisten in Jerewan.

Auf Ultraschallbildern ist das Geschlecht eines Kindes erst ab der zwölften Schwangerschaftswoche sicher zu erkennen. Und genau ab der zwölften Woche ist ein Schwangerschaftsabbruch in Armenien verboten, wenn nicht das Leben der Mutter in Gefahr ist. Eine Gesetzesänderung, die Avagjan und ihre Kollegen erarbeitet haben, verbietet explizit einen Schwangerschaftsabbruch wegen des Geschlechts des Kindes. Diese Regelung zumindest wurde angenommen.

"Heute ist es die Technik, die tötet"

Die Gynäkologin Vardanjan ist sich sicher: Selbst wenn die Eltern das Geschlecht des Kindes erst ab der 30. Schwangerschaftswoche hätten erfahren dürfen, gegen die Korruption hätte das wenig ausgerichtet. Es hätte das Problem unter Umständen sogar noch verschärft. Viele werdende Eltern wären dazu bereit gewesen, dem Arzt bei der Ultraschalluntersuchung auch den doppelten Preis für seine Leistungen anzubieten, um das Geschlecht des Kindes zu erfahren, schätzt sie.

Und um einen weiblichen Fötus abzutreiben, reicht eben auch die Unterschrift eines Ultraschallarztes. Vardanjan hat durchaus Ideen, wie das verhindert werden könnte: Die Bilder, Audio- und Videoaufnahmen im Ultraschall sollten vom Gesetz als Beweismittel definiert werden. Und zweitens sollte jeder Schwangerschaftsabbruch von einer Fachkommission beim Gesundheitsministerium geprüft und genehmigt werden müssen. Natürlich wäre es dann nicht auszuschließen, dass Kriminelle Ultraschallbilder fälschen, aber es wäre sehr viel komplizierter und riskanter.

Die größte Verantwortung sieht Vardanjan jedoch bei den Frauen: "Ein Schwangerschaftsabbruch ist heute meist eine gemeinsame Entscheidung der Ehegatten. Eine Abtreibung gegen den Willen der Frau ist heute anders als früher nicht mehr verbreitet." Dann fügt sie hinzu: "Heute ist es die Technik, die tötet. Und das fehlende Bewusstsein."