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Liebe Angela Merkel,

ich habe Sie gestern Abend auf dem Marktplatz von Finsterwalde gesehen. Ich bin, nachdem mein Sohn von der Schule gekommen ist, mit ihm von Berlin in die Niederlausitz zu Ihrem Wahlkampfauftritt gefahren, nicht nur, aber auch, weil er Sie sehen wollte. Für Martin Schulz wäre er nicht so weit gefahren. Ich weiß nicht, ob man von einem neunjährigen Kind schon sagen kann, dass er ein Fan ist, aber ich weiß, dass er Sie schätzt, also auf seine kindliche Art stets gut von Ihnen spricht. Von Barack Obama redet er auch so, von Donald Trump nicht.

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Er hat dann während Ihrer Rede in der ersten Reihe gesessen, keine zehn Meter von der Bühne entfernt, vielleicht haben Sie ihn gesehen. Er saß dort in seiner roten Jacke, um ihn herum nur Omas und Opas mit Regenschirmen und Capes und hörte Ihnen aufmerksam zu. Soweit das freilich ging. Sie waren nämlich kaum zu hören, denn auf dem Finsterwalder Marktplatz tobte ein furchtbares Pfeifkonzert, viele der Menschen, die gekommen waren, buhten Sie aus und skandierten "Hau ab, hau ab". Fast eine Stunde ging das so, so lange, bis Sie wieder weg waren. Es war furchtbar.

Aber lassen Sie mich von vorn beginnen: Als wir in Finsterwalde ankamen, dachte ich nämlich zuerst, wir hätten uns verfahren. Ich bekam Zweifel, wir seien irrtümlich in die falsche Stadt aufgebrochen, denn nichts wies darauf hin, dass Sie heute Abend hier sprechen würden. Rund zwei Wochen vor der Bundestagswahl. Ich habe wirklich kein einziges Schild gesehen. Wir fuhren also, wie so oft im Osten, an vielen Baustellen und Umleitungen vorbei ins Zentrum der Stadt, stellten das Auto auf einem gottverlassenen Parkplatz ab und liefen dann ein paar Schritte weiter zum Markt. Erst hier sahen wir ein Festzelt und Bierbänke, die in einem abgeriegelten Rund auf dem Markt aufgestellt waren. 

Die CDU-Ordner verteilten Regencapes und nachdem ich meinen Sohn überreden konnte, auch so ein riesiges Teil aus durchsichtiger Folie anzuziehen, setzten wir uns in die erste Reihe vor der Bühne. Zwischen den dunklen Wolken tauchte immer mal wieder die Sonne auf, die nun ein schönes, rotes Licht auf den Marktplatz von Finsterwalde warf. Fast erinnerte der Platz an eine Theaterbühne oder an eine Filmkulisse. Viele der ostdeutschen Innenstädte sehen heute so aus, Sie wissen das. Die Häuser sind wunderbar saniert, die Wege liebevoll mit den unterschiedlichsten Pflastersteinen ausgelegt, eigentlich könnte dieser Landstrich zwischen Ostsee und Erzgebirge nicht schöner sein. Ein zartes Deutschland, schön auch, jung und alt zugleich. Eines, das wund wirkt und in seiner Leere irgendwie vergessen und dadurch brutal. 

Der Redner auf der Bühne kündigte uns an, dass Sie in wenigen Minuten da sein würden. Auf dem Marktplatz war es inzwischen voller geworden. Ein kleinerer Teil setzte sich um uns herum auf die Bierbänke, der größere blieb hinter der Absperrung stehen. Kurz vor 19 Uhr wurde es auf dem Marktplatz ganz still. Der Redner auf der Bühne hatte aufgehört zu sprechen, die Musik hatte aufgehört zu spielen und der Regen sich verzogen. Alle Leute, die eben noch einfach so herumstanden und plauderten, schwiegen nun. In großer Erwartung Ihrer Ankunft.

Plötzlich war die Brutalität da

Ich lief an diesen Wartenden vorbei in jene Ecke des Marktplatzes, in der man Sie erwartete, und schaute auf die große Rathausuhr. Sie kamen aus einer unscheinbaren Nebenstraße mit nur ein paar Bodyguards auf den Markt gelaufen. Wie nebenbei, wie zufällig, wie eine Spaziergängerin, offen und ja, auch verletzlich. Ich mochte das. Ich mochte Sie, wie Sie da einfach so herbeigelaufen kamen. Die mächtigste Frau der Welt, the leader of the free world. Mitten unter den Finsterwaldern.

Genau in diesem Augenblick hob ein unfassbares Pfeifkonzert an, plötzlich riefen die Leute "Hau ab, hau ab" und bliesen wie wild in ihre Trillerpfeifen, die sie sekundenschnell aus ihren Jackentaschen gezogen hatten. Ein ohrenbetäubender Lärm. Da war sie, diese Wut und Brutalität, die man sonst hinter den schönen Fassaden nur vermuten kann, plötzlich war sie mit Händen zu greifen. Und Sie liefen weiter, mussten weiterlaufen, auf diese Menge zu, durch diese Menge hindurch. Jeder andere wäre weggerannt. Und Sie versuchten zu lächeln, mussten lächeln, natürlich, was sonst hätten Sie tun sollen. In den Gesichtern aller anderen, normalen Bürger war großes Entsetzen zu lesen. In meinem sicher auch.

Erst als Sie auf der Bühne standen, als Sie an das Rednerpult getreten waren und zu sprechen begannen, konnte ich sehen, wie schockiert auch Sie waren. Dass Sie ebenfalls fassungslos waren über diese verbale, größtenteils männliche Gewalt. Sie sprachen frei, Sie hielten Ihre ganz normale Wahlkampfrede über transatlantische Partnerschaften, die Bildungschancen von Kindern und Steuerfreibeträge. Und doch konnte man sehen und spüren, dass Sie diese Worte nur aufsagten, dass Sie mit den Gedanken und Gefühlen woanders waren. Wie gelähmt standen Sie da. Jedem von uns in der Nähe ging das so. Die auf den Bierbänken sitzenden Menschen starrten ausdruckslos vor sich hin, wie paralysiert taten sie so, als ob sie Ihnen zuhörten. Aber niemand hörte Ihnen zu, ich glaube, nicht einmal Sie selbst hörten sich zu. Und die Männer mit ihren Trillerpfeifen wurden immer lauter.

So ging das eine halbe Stunde, wie eine halbe Ewigkeit kam es mir vor. Hinter der Absperrung Wut, rund um und auf der Bühne Lähmung. Ich lief zwischen beiden Lagern hin und her. Und je öfter ich diesen Weg ging, desto mehr begann ich mich zu fragen, warum Sie die pöbelnde Menge ignorierten. Diese Apathie musste doch irgendwie zerschlagen werden, diese Pfiffe und Schmährufe waren doch ohnehin nicht zu überhören. Warum wandten Sie sich nicht einziges Mal an die Störer? Mit ein, zwei, drei klaren Sätzen. Sie sind doch so mächtig, Sie standen doch auf einer großen Bühne. Alle warteten darauf. Und ich glaube, all die Menschen, die gekommen waren, um Ihnen friedlich zuzuhören, hätten Sie unterstützt. Sie wären aufgestanden, hätten laut geklatscht, hätten sich den Trillerpfeifen auf ihre Art zeigen und entgegenstellen können. Ohne Gewalt, ganz menschlich.

Sie sind für die Menschen im Osten mehr als nur ein Symbol, Sie sind weiter gekommen als jeder andere von uns, der nach dem Mauerfall in die freie Welt aufgebrochen ist. Dafür lieben Sie die Menschen, dafür werden Sie gehasst. Menschen sind so, leider.

Distanzieren Sie sich von den Rassisten der AfD

Aber so viele waren in ganz friedlichen Absichten auf den Marktplatz von Finsterwalde gekommen. Junge Familien mit Kindern, Schüler und ältere Ehepaare, Rentner. Ein junges Mädchen hielt ein selbst gemaltes Schild hoch: Sie sind meine Kanzlerin. Vor Ihnen stand das Volk. Diese Menschen sind ein Teil von Ihnen, so wie Sie ein Teil von ihnen sind. Reden Sie mit den Pöblern, den Störern, den vielen Männern und wenigen Frauen mit ihren Trillerpfeifen, in ein, zwei, drei klaren Sätzen. Auch wenn die Ihnen vielleicht nicht zuhören werden, alle anderen tun das. Ich tue das, mein Kind tut das, die Finsterwalder tun das. Distanzieren Sie sich von den Rassisten der AfD, von ihren menschenverachtenden Parolen und Forderungen. Sagen Sie denen, was es heißt, Deutscher zu sein. Vor einem wie Wladimir Putin oder Donald Trump geben Sie doch auch nicht klein bei.

Ich schaute noch einmal auf die große Rathausuhr, beinahe 40 Minuten waren vergangen und Ihre Rede neigte sich langsam dem Ende. Nun erhoben sich die Leute doch von ihren Plätzen auf den Bierbänken, stellten sich um Sie herum auf wie menschliche Mauer, ich glaube, sie wollten Sie beschützen. Und für einen kurzen Moment wich die Lähmung aus Ihrem Gesicht, tauchten Züge von Entspannung und sogar so etwas wie Freude auf. Und dann verließen Sie die Bühne durch den Hintereingang.

Auf dem Marktplatz von Finsterwalde war es dunkel geworden, ich nahm die Hand meines Sohnes und er gab sie mir, obwohl er das sonst eigentlich nicht mehr macht. Es ist ihm peinlich. Aber nun bat er mich, schnell zu gehen, den Marktplatz zu verlassen und nicht noch einmal nach den Menschen mit den Trillerpfeifen zu schauen. Mit eiligen Schritten zog er mich weg, ich spürte sein Unwohlsein und wohl auch etwas wie Angst. Auf der Autobahn rollte er sich in seinem Sitz zusammen und sagte zu mir, wie schön er es fand, Sie einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dann schlief er ein.

Hinweis: In der ursprünglichen Version dieses Textes hieß es, Martin Schulz habe während eines Wahlkampfauftrittes in Leipzig die dort anwesenden Störer ebenfalls ignoriert. Tatsächlich ist er in seiner Rede auf sie eingegangen. Wir haben die entsprechende Passage im Text deshalb entfernt.