Für viele Beobachter des TV-Duells war klar: Als Gewinner gehen weder Amtsinhaberin Angela Merkel noch Kanzlerkandidat Martin Schulz hervor, sondern die AfD. Auf Twitter klingt das etwa so: "Die AfD fragt, die große Koalition antwortet". Ein anderer Nutzer schreibt: "Seit 35 Minuten Flüchtlinge, Abschiebung, Islam. Im Moment gewinnt eine andere Partei bei diesem #TVDuell". Wieder ein anderer: "75% der Deutschen finden Bildung wichtigstes Thema. 100% der #tvduell-Journalisten fanden AfD-Themen am wichtigsten."

Wer auf diesen Wahlkampf blickt, könnte wirklich meinen, es sei ein Wahlkampf der selbsternannten besorgten Bürger – und nicht nur das: Es scheint ein Wahlkampf der weißen Bürger zu sein, die den Blick für ihre Nachbarn und Kollegen mit anderen Hautfarben und Familiengeschichten verloren haben.

Das zeigt sich besonders beim Thema Sicherheit. Im TV-Duell gingen Sicherheitsfragen einher mit den Themen Flucht, Migration und Islam. Eine tendenziöse Konstellation: Gewiss gibt es Schnittmengen, etwa im Fall der islamistischen Anschläge am Breitscheidplatz oder im Hamburger Stadtteil Barmbek. Darüber wird zurecht diskutiert. Wer die Themenfelder aber so konsequent zusammenrückt, macht klar: Es geht hier vor allem um die Sicherheit der einen, nicht um die Sicherheit der anderen.

Auch Migranten und Flüchtlinge haben ein Bedürfnis nach Sicherheit. Sie erleben aber seit Jahren, dass ihnen die Behörden nicht zuhören, wenn sie von Radikalisierungen in ihrem Umfeld berichten. Sie haben zum Teil Verwandte und Freunde an islamistische Extremisten verloren. Sie verlieren zum Teil immer noch Verwandte und Freunde auf der Flucht und in der Heimat, weil es so gut wie keine sicheren Wege nach Europa gibt und die Familienzusammenführung eingeschränkt ist. Doch weil sie verdächtigt werden, selbst potenzielle Täter zu sein, erfahren sie nicht Schutz und Solidarität, sondern Anfeindungen, Drohungen und körperliche Gewalt.

Beim TV-Duell will Sat.1-Moderator Claus Strunz aber lieber wissen: "Wann sind die weg?" Er meinte "Ausreisepflichtige", also Ausländer, deren Asylanträge vorerst abgelehnt wurden, die aber mehrheitlich geduldet sind und entsprechend legal in Deutschland leben. Niemand fragte dagegen, wann die Rechtsradikalen weg sind, die Flüchtlingsheime anzünden oder Listen mit Anschlagszielen verteilen. Niemand fragte, wann die Rechtspopulisten weg sind, die immer im Namen des Volkes sprechen und doch immer nur sich selbst meinen. Niemand fragte, warum man zu Menschen mit Gefühlen und Träumen überhaupt Ausreisepflichtige sagt, als wäre das ein Zustand, als wären die Menschen in der alleinigen Bringschuld und nicht auch Opfer eines verschärften Asylsystems.

Doch nicht nur im TV-Duell werden Migranten und Flüchtlinge auf die Rolle von potenziellen Kriminellen und Schmarotzern reduziert. Auch die Tonlage, die zum Beispiel beim politisch eigentlich neutralen Wahl-O-Mate angeschlagen wird, macht stutzig. 38 Thesen sollen die Nutzer entweder bejahen oder verneinen, um so ihre parteipolitischen Präferenzen herauszufinden. Vier davon haben unmittelbar mit Flüchtlingen und Migranten zu tun, in drei davon geht es um die Begrenzung von Migrantenzahlen oder Leistungskürzungen:

•    Für die Aufnahme von Asylsuchenden soll eine jährliche Obergrenze gelten.
•    Kindergeld soll nur an deutsche Familien ausgezahlt werden.
•    In Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder ausländischer Eltern sollen weiterhin neben der deutschen ihre zweite Staatsangehörigkeit behalten dürfen.
•    Anerkannten Flüchtlingen, die sich Integrationsmaßnahmen verweigern, sollen die Leistungen gekürzt werden können.

Dabei wäre es denkbar, dass sich die Parteien oder Wahl-O-Mat-Nutzer das Gegenteil wünschen, zum Beispiel mehr Einwanderung, mehr Unterstützung für Migranten oder Belohnungen bei gelungener Integration. Diese Optionen und damit auch die Einladung, darüber einmal nachzudenken, gab es aber gar nicht erst. Zum Vergleich, zur vergangenen Bundestagswahl 2013 lauteten die Fragen zu Flucht und Migration noch so:

•    Alle Kinder sollen ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes gemeinsam unterrichtet werden.
•    Deutschland soll mehr Flüchtlinge aufnehmen.
•    An allen deutschen Grenzen sollen wieder Einreisekontrollen durchgeführt werden.
•    Der Staat soll im öffentlichen Dienst verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund einstellen.
•    Volljährige deutsche Staatsangehörige sollen keineswegs weitere Staatsangehörigkeit besitzen dürfen.

Es ging im Grunde noch um Integration, weniger um Ablehnung. Der Vergleich der Wahl-O-Mat-Thesen 2013 und 2017 zeigt, wie sehr sich der Ton in der Migrationsdebatte in den vergangenen vier Jahren verändert hat.

Ein TV-Duell und ein Wahl-O-Mat ersetzen natürlich keine eigenständige Recherche über Wahlprogramme, und eine Frage beinhaltet längst noch keine Antwort. Das haben Merkel und Schulz gezeigt: Auf Polemik antworteten sie sachlich und differenziert – sofern das im Rahmen dieser Fragen möglich war. Aber das ist das Problem. Für viele Menschen bilden die vorgegebenen Fragen und Thesen wertvolle Orientierungshilfen. Sie geben einen Rahmen des Denk- und Sagbaren vor. Und im Wahljahr 2017 verkürzt dieser Rahmen die Rolle von Flüchtlingen und Migranten eben auf die von potenziellen Kriminellen und Schmarotzern.