Minh Thu Tran war 13 Jahre alt, als sie mit einem Kumpel durchs Dorf spazierte und über Politik sprach. "Wenn nochmal eine rechtsextreme Partei ins Parlament zieht, dann wander ich aus", sagte der Freund im Scherz. Sie stimmte zu. Beide waren Kinder vietnamesischer Gastarbeiter: zu jung, um sich ein solches Szenario im Detail vorzustellen, aber alt genug, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es heißt, in einem Land unerwünscht zu sein. Heute, mehr als zehn Jahre später, denkt sie oft an den Satz zurück. Wenn etwa der AfD-Spitzenkandidat bekannt gibt, die Integrationsbeauftrage gehöre nach Anatolien "entsorgt", oder wenn er die NS-Vergangenheit relativiert. Und wenn sie die Balken der Wahlumfragen sieht.

Was, wenn die Wahlergebnisse die Brust hasserfüllter Menschen weiter anschwellen lassen? Werden sie sich ermutigt fühlen, noch mehr gegen Menschen im Internet und auf der Straße zu hetzen und sie zu jagen? "Als asiatisch-deutsche Frau hab ich richtig Angst vor dem Wahlergebnis", sagt Tran. "Für viele mag das übertrieben klingen, aber damals hatte auch keiner gedacht, dass die Stimmung gegen Minderheiten so schnell kippen könnte." Stimmen wie ihre hört man diese Tage oft, wenn man denn zuhört: abends beim Bier, am Rande politischer oder kultureller Veranstaltungen, im Sportverein, in Familien. Offen wollen die wenigsten sprechen, denn zusätzlich zur Angst vor Übergriffen kommt die Angst, mit der eigenen Geschichte nicht ernst genommen und als hysterisch abgestempelt zu werden.

Auch Menschen mit Vorfahren in Deutschland besinnen sich gerade auf ihre Geschichte. Im Wahl-O-Mat werden sie gefragt, ob der Völkermord an den europäischen Juden "weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur" sein soll, und in den sozialen Medien gehen Videos mit Holocaust-Überlebenden wie Ágnes Heller viral. Geschichte wiederhole sich nicht, sagt Heller im Monitor-Interview, aber "man kann immer neue Tragödien erfinden", und die größte Gefahr sei Gleichgültigkeit. Zum ersten Mal, dieser Satz kursiert auch in vielen Kommentaren, könnte seit 1945 wieder eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag ziehen.

Zuletzt wurde sie "Japse" genannt

Der Schreck jener, die in ihrem Leben Diskriminierung am eigenen Körper erfahren haben, ist aber häufig ein anderer. Da sind Menschen wie Stéphane, die bei jedem Bild brennender Asylbewerberheime an ihre Kindheit im Asylbewerberheim zurückdenkt. Oder Nine, die als Kind von Jugendlichen mit einer Schneeschaufel verprügelt wurde, während diese "Heil Hitler" und "Ausländer raus" riefen – und deren Chef sie "Japse" nennt. Oder die Transperson Jona*, die sich weder als Mann noch als Frau identifiziert, und die sagt, dass es ihr bei der Wahl nicht abstrakt darum gehe, ob sich die Parteienlandschaft verschiebe, "sondern um mein Existenzrecht". Noch rufen ihr die Leute in der Bahn nur hässliche Kommentare hinterher, der Schritt zu eingeworfenen Fensterscheiben mit Regenbogenfahnen oder gar Prügelattacken sei aber nicht weit, sagt Jona. Allein die Grenzen des Sagbaren hätten sich binnen kürzester Zeit verschoben.

Menschen, die von solchen Sorgen sprechen, sind womöglich eine Minderheit innerhalb einer Minderheit. Manchen Einwanderern sind die Wahlen auch gleichgültig, andere sind selbst streng konservativ und lehnen mehr Einwanderung ab. Überhaupt müssen Identitätsmerkmale nichts bedeuten: Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist homosexuell. Sie lebt in einer eingetragenen Partnerschaft mit einer Frau aus Sri Lanka, gemeinsam ziehen sie zwei Söhne groß. Ihre Partei steht aber für ein Programm, das den Begriff Familie ausschließlich für Gemeinschaften aus "Vater, Mutter und Kindern" akzeptiert.

Gegenargumente dieser Art machen das für viele Menschen geschaffene Klima der Bedrohung aber nicht ungeschehen. Angst hat schließlich, wer etwas zu verlieren hat. Gerade deshalb sind gewisse Sorgen ein Gradmesser für den Anspruch einer offenen, vielfältigen Gesellschaft an sich selbst. Der befürchtete Backlash, eine gesellschaftliche Rückentwicklung, ist zudem nicht völlig abwegig. "Wir müssen gar nicht spekulieren, wie sich die Situation in Deutschland entwickeln wird", sagt die Künstlerin Diana Arce. "Nach der Wahl von Trump und der Entscheidung zum Brexit haben wir gesehen, was mit Leuten passiert ist, die nicht weiß sind." Sie spielt auf die Übergriffe von Rechtsradikalen in den USA und in Großbritannien an. Die Afroamerikanerin hat Wurzeln in der dominikanischen Republik, seit 13 Jahren lebt sie in Deutschland. Dort erlebe sie zunehmend Feindseligkeiten, zuletzt vergangene Woche in Berlin, als sie sich mit einem Freund am U-Bahn-Gleis auf Englisch unterhielt.

*Name geändert