Ein luftiges Sommerkleid überstreifen, sich eine Blume ins Haar stecken, aufs Rad steigen und mit Tausenden anderen Frauen durch Izmir flanieren. Das steht für diesen Sonntag im Terminkalender vieler Frauen in der Türkei, denn dann ist wieder Fancy Women Bike Ride.

Die Ausfahrt der Frauen im schicken Outfit ist in der Türkei nicht überall gern gesehen. Seit Jahren werden dort ihre Rechte in der Öffentlichkeit mehr und mehr eingeschränkt. Radfahren ist dazu ein Gegenmodell. Es erweitert den Handlungsspielraum der Frauen und bietet ihnen mehr Freiheit im Alltag. So ist der fünfte Fancy Women Bike Ride nicht nur ein Ansporn, öfter Rad zu fahren, er ist auch ein Protest für mehr selbstbestimmte Mobilität von Frauen.

Begonnen hat alles 2013. Was als Ausfahrt mit Freunden gedacht war, ist inzwischen eine feste Institution. In diesem Jahr soll es in 40 bis 50 türkischen Städten Fancy Women Bike Rides geben. 2013 radelten 200 Frauen durch Izmir. Im vergangenen Jahr waren 3.000 Frauen in rund 30 Städten unterwegs. Und es werden mehr.

Am Anfang organisierten Pınar Pinzuti und Sema Gür in Izmir den ersten Fancy Women Bike Ride. Pınar Pinzuti ist seit ihrer Kindheit überzeugte Radfahrerin. Mit acht Jahren bekam sie ihr erstes Fahrrad. In ihrer Heimatstadt Izmir konnte sie Mitte der 1980er-Jahre damit nichts anfangen. Für Radfahrer war auf den Straßen kein Platz. In den Ferien am Meer lernte das Mädchen dann das Radfahren. Das hat ihr Leben verändert. Seitdem weiß sie: "Mit dem Fahrrad komme ich überall hin." Diese Erfahrung prägt sie bis heute.

Nach ihrem Hochschulabschluss in Ankara hat sie Sozialpädagogik in Nürnberg studiert. In Bayern war Radfahren für sie einfach. Als Studentin erledigte sie jeden Weg mit dem Rad. Sie fuhr zur Uni, zu Freunden, zum Einkaufen, am Wochenende in die Fränkische Schweiz und später monatelang durch Südamerika.

Männerdominanz in der Fahrradwelt

Momentan arbeitet sie in Mailand und bloggt in ihrer Freizeit über alle Themen rund ums Radfahren. Sie besitzt zwei Citybikes, ein Rennrad, ein Trekking- und ein Faltrad und träumt davon, ein Lastenrad zu kaufen. Ihre Mitstreiterin in Izmir, Sema Gür, ist aus Radfahrerperspektive gegenüber Pınar Pinzuti schon fast eine Spätzünderin.

Die Lehrerin hat erst mit 40 Jahren das Radfahren gelernt. Dann war sie von der Leichtigkeit des Bikens allerdings sofort angesteckt. Eines hat sie jedoch irritiert: die Männerdominanz in der Fahrradwelt. In ihrer Gesellschaft wurde eine Ausfahrt schnell zu einem schweißtreibenden Wettkampf. Das störte sie. Denn dieses Verhalten lockt nur wenige Frauen in den Sattel, fand sie. Aber genau das wollte die Lehrerin: Sie wollte türkische Frauen dazu ermuntern, aufs Rad zu steigen. Und zwar im Sommerkleid statt im Radtrikot und gerne auch mit Stöckelschuhen. Deshalb luden sie und Pınar Pinzuti 2013 ihre Freundinnen über Mundpropaganda und Social Media erstmals zum Fancy Women Bike Ride ein.

Sie hatten sich für die Ausfahrt einen besonderen Tag ausgesucht: Den autofreien Sonntag während der Europäischen Mobilitätswoche. Der Grund war simpel: Sie brauchten ein stressfreies Umfeld, um möglichst viele Anfängerinnen und Wiedereinsteigerinnen zum Mitmachen zu bewegen. "Wir wollten Frauen die Möglichkeit geben, sie selbst zu sein", sagt Pınar Pinzuti. Sie sollten sich schick anziehen, ihre Räder herausputzen und dann gemeinsam mit ihren Freundinnen, plaudernd und lachend, langsam durch die Stadt radeln. Damit auch Anfängerinnen mitfahren konnten, war die Tour maximal fünf Kilometer lang.

Mit Kopftuch und Stöckelschuh den Radius erweitern

Inzwischen ist die Ausfahrt deutlich mehr als eine Aufforderung an Nichtradlerinnen, sich in den Sattel zu trauen. Es ist auch ein Protest gegen die zunehmende Diskriminierung von Frauen in der Türkei. "Frauen sollen zu Hause bleiben, wenn sie schwanger sind. Sie sollen nicht laut lachen, keine Shorts tragen und einen Schritt hinter ihrem Mann gehen", erklärt Pınar Pinzuti. Das passt nicht zum Radfahren. Mit dem Rad sind Frauen im Alltag flink und unabhängig unterwegs. Sie erweitern damit ihren Radius. Mit dem Fancy Women Bike Ride machen die Teilnehmerinnen einander Mut, weiterhin durch die Städte zu radeln. Außerdem zeigen sie der Gesellschaft: Wir sind viele.

Laut Pinzuti sind Frauen jeden Alters, aller gesellschaftlichen Schichten und verschiedener Glaubensrichtungen dabei. Einige Teilnehmerinnen seien anfangs unsicher gewesen, ob sie mit Kopftuch überhaupt mitradeln können. Doch Pinzuti sagt: "Jeder ist willkommen." Sie betont: "Der Fancy Women Bike Ride ist keine politische Veranstaltung. Wir sind kein Club, keine Partei, jede kommt als Individuum, jede soll sich wohlfühlen."

Mit jeder weiteren Ausfahrt wächst die Zahl der radelnden Türkinnen. Das hat einen Grund. Einige Teilnehmerinnen bieten inzwischen kleine private Fahrradkurse für Einsteigerinnen an. Sind die Frauen dann fit im Sattel, treffen sie sich regelmäßig zu gemeinsamen Ausfahrten. Außerdem organisieren sie private Eltern-Kind-Touren oder Radfahrevents für Kinder.