Ich treffe gerne und oft Menschen, und meistens kommen sie früher oder später auf das Thema Frauen und Männer zu sprechen, die Geschlechterfrage also. Und alle sind dann Expertinnen und Experten in eigener Sache. Meinungsstark, oft emotional, vor allem aber grundverschieden in ihrer Analyse.

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Viele Frauen im mittleren Alter etwa fragen mich nach meiner Meinung über den Backlash in der Gleichberechtigung. In ihren Augen wird das Rad der Zeit zurückgedreht: Besorgt und verärgert erzählen sie davon, wie Frauen wider Willen wieder an Herd und Heim gedrängt werden. Junge Frauen teilen diese Meinung oft nicht. Sie fühlen sich stark, klug und wollen beruflich nach vorn.

Personalverantwortliche in den Betrieben klingen dagegen meist frustriert. Ja, man bräuchte Frauen, insbesondere in Führungspositionen. Und ja, es gäbe diese Frauen auch: brillant und bestens ausgebildet. Aber nach teuren Investitionen in ihre Kenntnisse und Fähigkeiten klappt es dennoch nicht. Frauen hätten zu viele Selbstzweifel, Angst vor Macht und Verantwortung, Scheu vor der vielen Arbeit und keinen familiären Rückhalt für eine Karriere.

Die Frage der Geschlechter beschäftigt die Menschen in Deutschland. Das ist gut, denn es bleibt ein wichtiges Thema. Doch viele setzen sich damit nur in ihrer Echokammer, im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis, auseinander. Gleiche Meinungen suchen und finden sich darin schnell, werden quasi durch einen Verstärker gejagt und damit noch lauter.

Personaler sind ein gutes Beispiel dafür. Viele von ihnen denken nicht einmal daran, von der Kultur langer, durchgetakteter Arbeitstage, auch am Wochenende, abzurücken. Für Frauen insbesondere in Führungspositionen heißt das: Es bleibt ihnen nur, zu leben und zu arbeiten wie ihre Männer und Väter. Will das wirklich jemand als Fortschritt bezeichnen? Das Rad der Zeit wird zwar nicht zurückgedreht, aber es ist stehen geblieben – obwohl wir seit zwölf Jahren eine Bundeskanzlerin haben und seit wenigen Tagen die erste Schiedsrichterin in der Bundesliga.

Der Rückschritt, den viele ältere Frauen empfinden, hat damit zu tun, dass sie selbst oft spätestens nach dem ersten Kind klein beigeben mussten, obwohl sie sich so viel mehr vom Leben erhofft hatten. Die Faktoren, die sie ausbremsten, sind dieselben wie heute: Niedrig bezahlte Frauenjobs, Unterschiede in der Bezahlung von Männern und Frauen und oft auch Partner, die älter sind; Männer, die durch ihr höheres Alter einen Schritt weiter in ihrer Karriere sind, bereits mehr verdienen und die innerfamiliäre Verhandlungsposition von Frauen schwächen. Ehegattensplitting, die Mitversicherung in der Krankenkasse oder die Anreize durch steuerfreie Minijobs tragen ebenfalls dazu bei. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, darunter verstehen noch immer viele Arbeitgeber den Karriereverzicht oder sogenannte Mommy Tracks, Laufbahnen also, die spätestens in den mittleren Führungsetagen enden.