Vor 40 Jahren schoss die Nasa die Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins All. An Bord waren Kupferplatten, die wesentliche Informationen über die Menschheit gespeichert hatten, auslesbar für mögliche Außerirdische. Wir wollten uns selbst den fremdesten Lebewesen verständlich machen.

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Vor zwei Wochen wollte Jens Spahn, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und CDU-Präsidiumsmitglied, sich ebenfalls verständlich machen. Auch er schoss auf gut Glück etwas ins All, und zwar, dass in Berlins Cafés viel Englisch gesprochen wird. Er nannte das, allen Ernstes, "Gleichschaltung".

Es ist schon viel über diese Absurdität geschrieben worden, vor allem über das Unwichtigste an dieser Episode: Jens Spahn. Sieht man aber dahinter, kann man den eigentlichen Vorwurf lesen: Deutsche Großstadteliten unterwerfen sich Ausländern mit einer linguistischen Demutsgeste. Denkt man den Gedanken zu Ende, erkennt man, was er ist: das Wetterleuchten der Spätdemokratie. Folgen wir ihm.

Wohl nirgends haben konservative Alpträume großstädtischer Hipster-Kultur so sehr Gestalt angenommen wie in dem internationalen Privatclub Soho House. An diesem Ort, im ehemaligen Sitz des SED-Zentralkomitees, wird wirklich seit Jahren nur Englisch gesprochen, und zwar ganz konsequent und vom kompletten Service. Hier trifft sich eine internationale Start-Up- und Medienszene auf großen, mit Rosen verzierten Sofas, weich und beige wie Buttercremetorten. Oben auf der Dachterrasse planschen verzweifelte Mädchen im Pool, wütende Selbstständige rühren daneben in ihrem Espresso. Sie schauen über die Stadt, die mal wieder wie hingewürfelt wirkt, auf die Platten vom Alex, weiter Richtung Westen und dann noch einmal Richtung Himmel, wo es auch nicht viel zu sehen gibt.

Eigentlich tut hier niemand etwas, nichts jedenfalls, was sich in einfache Worte kleiden lässt. Telefonieren ist verboten, was dazu führt, dass man still vor sich hin in die Apple-MacBooks tippt und hin und wieder Lunchtermine wahrnimmt. Die bestehen dann in der Hauptsache darin, große Blasen der Weltherrschaft zu ersinnen. Kreativ natürlich. Und zum Wohle aller. An diesem Abend lausche ich einem Produzenten, der Geld für einen gewaltverherrlichenden Porno sammelt, den er als Kunstinstallation in einer Wanderausstellung präsentieren will.

Wenn sich der Tag dem Ende neigt an diesem Ort, geht er nicht ohne reichlich Gin Tonic zu Ende. Und alles ergibt einen Sinn, obwohl nichts passiert ist. Wer in Neukölln vor einigen Jahren als junger Mensch in einer Sechser-WG begann, landet möglicherweise irgendwann als erfolgreicher Was-auch-immer hier oben, über der Stadt, als die Elite, die von allen gehasst wird.

"Kale with mustard" ist auch nur Grünkohl mit Senf

Es gehört längst zur Berliner Folklore, solche Orte zu hassen: Gerade jene Menschen, die Spahn als Hipster bezeichnet, regen sich besonders gern über Läden wie das Soho House auf. Beschweren sich zum hundertsten Mal, wie sehr es nervt, kale with mustard zu bestellen, um eine halbe Stunde später festzustellen, dass es sich dabei wirklich nur um Grünkohl mit Senf handelt. Diese Genervtheit ist auch ein Indiz für sozialen Zusammenhalt – vermutlich der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Bäcker, Designer, Student, Unternehmer und Fitnesstrainer. Die heitere Schizophrenie moderater Abneigung, die eigentlich Liebe ist. Habituelles Anzeichen der Metropole, die Berlin nach über hundert Jahren Pause gerade wieder zu werden scheint.

Berlin, das hat man im Rest der Republik möglicherweise verdrängt, ist nicht nur der Moloch mit dem Fernsehturm, das Riesenghetto mit Regierungsviertel. Es ist mit den Jahren auch zu einem zeitgenössischen Casablanca geworden. Hier winkt Freiheit, die Menschen in ihrer Heimat nicht finden. Hier sind die Brexit-Flüchtlinge aus Großbritannien und die ukrainischen Studenten, die dem Krieg gegen die Russen entfliehen wollen. Hier sind gut 20.000 Israelis, moderne Syrer, Libanesen, Spanier. Hier sind US-Amerikaner, die die Neuköllner Freiheit ausprobieren wollen, von der selbst die Washington Post schwärmt. Hier sind gut ausgebildete Leute, die Kraft ihrer Selbstermächtigung Cafés eröffnen oder Ausstellungen organisieren. Die arbeiten. Wie kann ein Ort, der weltweit für so viel Anziehung sorgt, innerhalb Deutschlands so viel Ablehnung auslösen wie Berlin? Und wer hat ein Motiv dafür, diese Ablehnung noch zu schüren?

Hier kommt Jens Spahn wieder ins Spiel. Und das Problem, das die CDU, ähnlich wie ihre konservativen Schwesterparteien, in der Mitte zu zerreißen droht.