Carlos Giminez hat seit Donnerstag ein extremes Hin und Her der Gefühle erlebt. Und das, obwohl Hurrikan Irma am Samstagabend noch immer knapp 200 Kilometer vom Landkreis Miami-Dade, dem er vorsteht, entfernt war. 

Noch am Freitag war es die größte Sorge des Bürgermeisters gewesen, die Menschen seines Landkreises aus der tödlichen Bahn von Irma herauszubefördern oder sie zumindest sicher unterzubringen. Als am Samstag dann die Meldung kam, dass sich Irma für eine Route deutlich westlich von Miami-Dade entschieden hat, konnte Gimenez kurz aufatmen. Am Samstagabend musste Giminez die rund sechs Millionen Bürger seines Verwaltungsbezirkes dann jedoch wieder ermahnen, die Bedrohung von Irma weiterhin ernst zu nehmen. 

In der Gegend rund im Miami hatte sich nämlich Stunden vor Irmas Ankunft eine fahrlässige Entspannung breit gemacht. Nachdem am Samstagvormittag die Wetterdienste bekannt gaben, dass sich Irma die floridianische Golfküste und nicht wie befürchtet die Atlantikküste vornehmen wird, entschlossen sich viele der rund 23.000 Menschen, die in offiziellen Notunterkünften Obdach gefunden hatten, wieder nach Hause zu gehen. "Wir sind noch immer in Gefahr", beschwor Gimenez deshalb in einer TV-Ansprache seine Bürger. 

Auf der anderen Seite der Halbinsel von Florida entstand Hektik. Noch am Freitag hatten Städte wie Fort Myers, Tampa und Naples geglaubt, dass ihnen bis auf schwere Regenfälle nicht viel passieren würde. An Evakuierung dachte hier kaum jemand. 

Als die Westküstler am Samstag dann hörten, dass Irma plötzlich Kurs auf ihre Gegend nimmt, war es für die meisten zur Flucht zu spät. Zwar wurden noch hastig Evakuierungsanordnungen ausgestellt, für viele Bürger war jedoch die Zuflucht in Notunterkünften zu diesem Zeitpunkt die sinnvollere Alternative. 

Diese Karte der Website Windy.com speist sich aus Wetterdaten und zeigt die aktuelle Position des Hurrikans.

Improvisierte Lager in Schulgebäuden

Alleine am Samstagnachmittag wurden 70 neue solcher Unterkünfte eröffnet. Flüchtlinge brachten von zu Hause Decken und Luftmatratzen mit und bereiteten sich auf den Bänken und Fußböden nahe gelegener Schulgebäude ein improvisiertes Lager. 

Die meisten der Floridianer, die sich rechtzeitig zur Flucht entschlossen hatten, hatten sich bis Samstagabend immerhin in Sicherheit gebracht. Daten von Google Maps zufolge waren zu diesem Zeitpunkt die Straßen von Südflorida, wo sich noch am Tag zuvor der Verkehr gestaut hatte, frei. Die Autokolonnen hatten sich in die Mitte des nördlichen Teils des Staates verlagert. Bis zur Ankunft von Irma dürften sie es über die Grenze zu Georgia und Alabama geschafft haben. 

11.000 Flüge, rund 30 Prozent mehr als gewöhnlich, brachten am Samstag ebenfalls noch rechtzeitig Tausende von Schutzsuchenden in Sicherheit. Nur wenige blieben am Flughafen Miami zurück, nachdem die Fluggesellschaften am Samstag die Preise drastisch gesenkt hatten. Die meisten von ihnen wurden per Bus in Notunterkünfte gebracht. 

Die Mehrzahl der Urlauber auf den vielen Kreuzfahrtschiffen, die in der Karibik unterwegs sind, war indes bereits am Freitag und am Samstag in Miami an Land gegangen. Wer es nicht mehr rechtzeitig an Land schaffte, versuchte aus der Karibik zu fliehen und so weit wie möglich in den Golf von Mexiko vorzudringen. Luftbilder der US-Schifffahrtsbehörde vom Samstag zeigten eine veritable Bootsregatta in Richtung Westen, befeuert von Irmas verändertem Kurs in dieselbe Richtung.

Altersheime widersetzen sich der Evakuierungsanordnung

Am verwundbarsten blieben in den letzten Stunden vor dem Eintreffen von Irma in Florida die vielen Senioren des Staates. Mehr als 1,7 Millionen Menschen im Alter von über 75 Jahren leben in dem Bundesstaat, etwa 600.000 von ihnen mit schweren Gebrechen. Für viele von ihnen gibt es im Angesicht einer Katastrophe wie Irma keine gute Lösung: "Egal ob man evakuiert oder nicht, man setzt ihre Gesundheit aufs Spiel", sagte David Dosa, Gerontolge an der Universität von Rhode Island, gegenüber der Washington Post

Rund 150 Altersheime in Florida hatten sich dazu entschlossen, das Risiko der Evakuierung einzugehen und etwa 13.000 Menschen in sichere Unterkünfte fern der Küste zu bringen. Viele Einrichtungen widersetzten sich jedoch der Evakuierungsanordnung mit der Begründung, dass der Transport für die Bewohner ein größeres Risiko bedeutet als die möglichen Sturmfolgen. "Es gibt seit Hurrikan Katrina einen großen Druck, zu evakuieren", sage eine Sprecherin der staatlichen Altersheimverwaltung von Florida. "Aber wir glauben, dass in vielen Fällen für die Menschen der Stress zu groß ist." 

Eine größere Diskussion über die Folgen des Klimawandels haben die Hurrikane Harvey und Irma sowie Jose, der hinter Irma in der Karibik lauert, bislang in den USA jedoch noch nicht ausgelöst. Auf die Bemerkung des Bürgermeisters von Miami, dass genau jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, darüber zu reden, erwiderte der Chef der Umweltschutzbehörde, Scott Pruitt, dass er eine solche Debatte für "unsensibel gegenüber den Bürgern von Florida" halte. "Über die Ursachen dieser Stürme können wir später diskutieren." 

Der konservative Radio-Moderator Rush Limbaugh ging noch einen Schritt weiter, als er behauptete, die extremen Vorhersagen für Irma seien eine Verschwörung von Meteorologen, welche die "Lüge des Klimawandels" verbreiten wollten. Sein Haus in Palm Beach evakuierte Limbaugh dann allerdings trotzdem.