In Pastellfarben getüncht säumen Art-Deco-Bauten den Ocean Drive, die Flanier- und Partymeile von Miami Beach. Gewöhnlich schiebt sich hier eine Parade schöner Körper an Restaurants, Boutiquen und Clubs entlang. Nachts wird durchgefeiert. An diesem Freitag ist vieles anders an Floridas berühmter Strandpromenade. Es ist der Tag, bevor Hurrikan Irma, der schwerste Tropensturm, der sich je außerhalb der Karibik oder des Golfs von Mexiko über dem Atlantik zusammengebraut hat, die Millionenstadt Miami treffen soll.

Zwischen den glitzernden Hotelburgen von South Beach sind Miamis Straßen menschenleer, nur die Blaulichter weniger Polizeipatrouillen leuchten in den Häuserschluchten auf. Am Strand dagegen parken Dutzende Trucks. Emsig laden diejenigen, die nicht fliehen wollen, säckeweise Sand vom Traumstrand auf die Ladeflächen ihrer Pick-ups.

Während sie Sandsäcke horten, um ihre Häuser vor dem drohenden Hochwasser zu schützen, wirbelt Irma die Bahamas entlang. Mehrere Karibikinseln, darunter Saint Martin und Barbuda, hat Irma zu diesem Zeitpunkt schon komplett zerstört. Kurz hatte der Sturm sich auf Kategorie 4 abgeschwächt, doch nun nähert er sich Miami wieder aufgeblasen zum Hurrikan der höchsten Stufe 5, die Meteorologen zu vergeben haben. Knapp 24 Stunden noch, dann soll der mit Meerwasser aufgetankte Wirbelsturm in Florida auf Land treffen.

Ausnahmezustand in der Millionenmetropole

Bereits am Donnerstag hatten der Gouverneur des Staates Florida und die Bürgermeister von Miami und Miami Beach die Evakuierung angeordnet. Rund 600.000 Menschen wurden gezwungen, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Dem Rest der beinahe sechs Millionen Menschen, die in der Region leben, wurde im Verlauf des Freitags mit immer dringlicheren Appellen nahegelegt, sich so rasch wie möglich in Sicherheit zu bringen. "Dieser Sturm ist kein Witz", sagte der Vorsteher des Landkreises Miami Dade, Carlos Gimenez. "Wer bleibt, riskiert zu sterben."

Wer in Florida lebt, wo jedes Jahr Hurrikansaison ist, der nimmt solche Worte selten ernst. Angesichts der Bilder der Verwüstungen in der Karibik ist es diesmal anders. Irma ist stärker, größer und gefährlicher als alle Hurrikans, an die man sich hier noch erinnern könnte. Selbst sturmerprobte Südfloridianer nehmen die Warnungen ernst. Und so erlebt Florida in den Tagen vor Hurrikan Irma den größten Exodus seiner Geschichte.

Auf den beiden Hauptautobahnen nach Norden stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Mit durchschnittlich 15 Kilometer pro Stunde schiebt sich der Verkehr in Richtung der vermeintlich sicheren Staaten Georgia und South Carolina. Bis dorthin sind es Hunderte Kilometer. Tanklastzüge werden per Polizeieskorte an die Tankstellen gelotst, um so lange wie möglich die Versorgung aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig versuchen andere mit dem Flugzeug aus dem Katastrophengebiet zu entkommen. Doch an den Flughäfen ist es ähnlich chaotisch wie auf den Straßen. Obwohl viele Fluggesellschaften Sonderflüge einsetzen, ist der Andrang nicht zu bewältigen.

Hunderte Reisende sollen den Flughafen wieder verlassen, heißt es am Freitagnachmittag. Sie sollen sich eine Notunterkunft suchen. Als klar wird, dass die bereits überlastet sind, entscheiden die Offiziellen sich um und funktionieren einen Kellerbereich des Flughafens in eine provisorische Notunterkunft um.

Vor den hastig eingerichteten Unterkünften in Schulen und Turnhallen spielen sich derweil ebenfalls chaotische Szenen ab. Der Landkreis Miami-Dade, zu dem auch Miami und Miami Beach gehören, hatte versprochen, 42 solcher Unterkünfte einzurichten. Am späten Nachmittag ist erst die Hälfte in Betrieb. Allerorten werden Zufluchtsuchende abgewiesen und per Bus kreuz und quer durch die Stadt gekarrt.

Viele Bürger entschließen sich angesichts dieser Aussichten dazu, den Sturm auszusitzen. Entgegen aller Warnungen. So wie Dave Gonzalez, Hüter des einzigen Hauses von Ernest Hemingway in Key West. Obwohl die Koralleninsel rund 200 Kilometer südlich von Miami mitten in der voraussichtlichen Schneise von Irma liegt und schon am Mittwoch evakuiert wurde, weigert Gonzalez sich, das historische Haus sowie seine 54 Katzen auf dem Grundstück zurückzulassen. "Das ist nicht unser erster Hurrikan", meinte er. "Die Steinwände sind 170 Jahre alt. Wir stehen das schon durch."

Der Bürgermeister von Miami, Tomás Regalado, kann es sich derweil nicht verkneifen, angesichts der Lage seiner Stadt seinem lange angestauten Zorn auf Washington Luft zu machen. "Es wird höchste Zeit, über Klimawandel zu reden", sagte Regalado.

Der republikanische Politiker versucht seit Langem, Mittel aus Washington zum Schutz seiner flutgefährdeten Stadt zu bekommen. Unter der Trump-Regierung, für die Klimaschutz eine extrem niedrige Priorität besitzt, ist das praktisch unmöglich geworden. Nun sieht er sich einer Katastrophe gegenüber, deren Folgen durch längst überfällige Befestigungen und Ablaufsysteme mit Sicherheit hätten gemindert werden können.

Regalado wusste, wie die meisten Bürger von Miami, dass dieser Tag kommen würde. Auch, dass die boomende Stadt mit ihrer überbauten Küstenlinie nicht vorbereitet sein würde. Nun ist der Tag da. Zu spät, noch etwas anderes zu tun, als zu hoffen. Und zwar darauf, dass das Auge Irmas woanders durchziehen wird.

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