Bob Buckhorn durchlebte als Bürgermeister von Tampa zuletzt die schlimmsten Stunden seines Lebens. Nachdem sich am Samstag die Prognosen für die Route von Hurrikan Irma um ein paar Hundert Kilometer nach Westen verschoben hatten, lag seine Stadt plötzlich mitten im gewaltigsten Sturm, der je in diesem Teil des Atlantiks getobt hat. Die Lage kommentierte Buckhorn mit Galgenhumor. "Jeder hat so lange einen Plan, bis er eins auf die Fresse bekommt", zitierte er den ehemaligen Box-Weltmeister Mike Tyson. "Und wir sind gerade dabei, eins mitten in die Fresse zu bekommen."

Während man auf der anderen Seite der Halbinsel Florida, in Miami, im Verlauf des Sonntags zunehmend aufatmen konnte, verdüsterten sich rund um Traumbucht von Tampa stündlich die Aussichten. Hurrikan Irma wurde zwar nach seiner Ankunft an der Südspitze von Florida von einem Sturm der Kategorie 5 auf Stufe 2 herabgestuft. Für die vier Millionen Menschen, die an der Bucht von Tampa leben, war das jedoch kein Grund zur Erleichterung.

Wie für viele Gegenden in der Bahn des Sturms sind es für die Menschen in Tampa nicht die Winde, die bedrohlich sind. Gefährlich sind die Sturmfluten, die zu erwarten sind, wenn Irma irgendwann im Verlauf der Nacht zum Dienstag weitergezogen ist. Und was die Vorbereitung auf die Fluten anbetrifft, ist die Bucht von Tampa denkbar schlecht gerüstet. 

Die Gegend gehört zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungszentren der USA. Angelockt von der Bucht, dem Klima und den wirtschaftlichen Möglichkeiten kommen jährlich rund 60.000 Menschen in die Gegend. Entsprechend rasant wurden die Grundstücke entlang des Wassers bebaut. Flut- und Abwassersysteme hielten mit der Entwicklung nicht mit. Laut Washington Post stufen Experten die Bucht von Tampa als die Region der USA ein, die für Überschwemmungen am anfälligsten ist. Der Wasserstand der Bucht ist seit den neunziger Jahren um sieben bis acht Zentimeter gestiegen, bis Mitte des Jahrhunderts soll es mehr als ein Meter werden. 

Flutschutz war kein Thema

Dass Tampa schlecht vorbereitet ist, liegt auch daran, dass das Gebiet in den vergangenen 100 Jahren großes Glück gehabt hat: Zuletzt ging hier 1921 ein Hurrikan der Stärke drei nieder. Seither blieb die Bucht verschont, was dazu führte, dass Flut- und Katastrophenschutz in der Gegend kein großes Thema war.

Wirbelsturm Irma

Die graue Linie ist die wahrschein­lichste Route. Die Fläche zeigt, wo Irma von dieser abweichen könnte, nicht die Größe des Sturms.

Dafür ist insbesondere die Politik verantwortlich. Der republikanische Gouverneur von Florida, Rick Scott, hat allen Angestellten des Staates verboten, in der offiziellen Kommunikation das Wort Klimawandel zu verwenden. Zuschüsse für Flutschutzmaßnahmen sind von ihm nicht zu erwarten. Zwar lassen Bürgermeister Bob Buckhorn und seine Amtskollegen seit Jahren Expertisen zu den Risiken anfertigen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Genutzt hat das bislang aber nichts.

Von der Regierung in Washington hat Buckhorn auch nichts zu erwarten. Erst vor wenigen Wochen hat Donald Trump eine Exekutivanordnung unterzeichnet, die von der Obama-Regierung bewilligte Flutschutzmaßnahmen für bedrohte Gemeinden wieder streicht. Immerhin weiß Tampas Bürgermeister aufgrund der in Auftrag gegebenen Studien genau, was in den kommenden Tagen auf ihn zukommt. Ein Unternehmen aus Boston schätzt den Schaden eines Sturms der Kategorie 5 auf 175 Milliarden Dollar. Bis zu zehn Meter Wasser könnten in die Innenstadt von Tampa fließen, bis zu 2.000 Menschen könnten sterben.

Hurrikan Irma - Trump ruft Katastrophenfall für Florida aus Hurrikan Irma hat im US-Bundesstaat Florida schwere Schäden angerichtet. Mehr als drei Millionen Menschen sind von der Stromversorgung abgeschnitten. © Foto: Carlos Barria, Reuters

Kritik an Wetterprognosen

Das Beste, was man im Fall eines Hurrikans tun könne, sagte Buckhorn noch vor einem Jahr, sei, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Doch das ist in den vergangenen Tagen nicht passiert. Tampa und die Nachbarstädte Clearwater und St. Petersburg hatten sich aufgrund der ursprünglichen Vorhersagen der Meteorologen erst viel zu spät zur Evakuierung entschlossen

Für die falschen Prognosen gibt es viel Kritik – die von Meteorologen zurückgewiesen wird. Eine Abweichung von 75 Meilen sei eine sehr akkurate Prognose, sagte etwa Matt Lanza, Meteorologe für das Wetterportal Space City Weather, der New York Times. Genauer könne man drei Tage im Voraus die Bahn eines Sturms nicht bestimmen. Zudem hätten viele Menschen inklusive der Politiker die Wettergrafiken falsch gelesen: Gefahr durch Überflutungen bestehe niemals nur im Zentrum einer Hurrikan-Bahn. Wenn es ein Versäumnis seitens der Wetterforscher gegeben habe, dann lediglich, dass man diese Details nicht ausreichend kommuniziert habe, sagte Lanza. 

Bevor das Wasser voraussichtlich am Montag in die Straßen von Tampa laufen wird, bekamen die Anwohner am Sonntag noch eine unverhoffte Sturmpause: Irma sog beinahe das gesamte Wasser aus der Bucht hinaus auf den Ozean. Wo sonst die Wellen schlagen und Yachten über das Wasser schaukeln, spielten plötzlich Hunde im Watt.