ZEIT ONLINE: Herr Kleist, vor zwei Jahren sind fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Sie haben für den Mediendienst Integration Bilanz gezogen. Sie sagen, die große Zahl an Flüchtlingen habe auch für einen Innovationsschub für die Integration von Einwanderern in Deutschland gesorgt. Was ist gut gelaufen?

Olaf Kleist: Es gibt ein neues Bewusstsein für die Einwanderungsgesellschaft Deutschland, sowohl in der Zivilgesellschaft als etwa auch in Schulen, in Betrieben, in der Wissenschaft und allmählich auch in den Behörden. Viele haben verstanden, dass es notwendig ist, schnell zu handeln. Und so sind 2015 viele Initiativen entstanden, professionelle und ehrenamtliche. Diese spontanen Ideen haben zunächst geholfen, um überhaupt klar zu kommen. Inzwischen werden viele Studien durchgeführt. Es wird wissenschaftlich überprüft, welche der Maßnahmen gut wirken. Spannend sind auch Langzeitstudien, die in fünf oder zehn Jahren zeigen werden, wie Integration im lokalen Raum funktioniert und wie sich daraufhin die Gesellschaft verändert.

ZEIT ONLINE: Können Sie eine Maßnahme nennen, die schon evaluiert wurde?

Kleist: Viele Schulen haben Willkommensklassen eingerichtet, in denen die Kinder erst einmal Deutsch lernen. Studien zeigen mittlerweile, dass sie nicht immer erfolgreich sind. Wenn die Schüler sofort in den Regelunterricht integriert werden, vermitteln die Lehrer ihnen gleich das Vokabular, das sie wirklich brauchen, die Flüchtlingskinder sprechen mit den anderen Kindern deutsch. Bleiben sie hingegen länger in den Willkommensklassen, werden sie von den deutschen Schülern als Außenseiter wahrgenommen und sind danach viel schwerer in die Klassen zu integrieren.

ZEIT ONLINE: Was ist aber mit dem 15-Jährigen, der in seinem Heimatland kaum zur Schule gehen konnte? Wie soll der in den Matheunterricht einer neunten oder zehnten Klasse einsteigen?

Kleist: Auch das lernen wir gerade: Es gibt keine Patentrezepte für alle. Die größte Herausforderung bleibt natürlich, wie man Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen Deutsch beibringen kann. Manche müssen erst alphabetisiert werden, andere die lateinische Schrift lernen. Wieder andere lernen sehr schnell. Analphabeten brauchen tatsächlich erst einmal einen für sie konzipierten Unterricht. Auch für Erwachsene gibt es inzwischen ein relativ breites Angebot an Sprachkursen.
Es dauert allerdings ein paar Jahre, bis die meisten Flüchtlinge ein gutes Level erreichen. Und wir müssen uns eingestehen, dass manche Menschen nie gut Deutsch lernen werden. Deshalb wird es eine weitere Integrationsaufgabe sein, uns mit Mehrsprachigkeit einzurichten. Auch hier gibt es schon viele interessante Projekte, die zum Beispiel Nachrichten auf Arabisch anbieten.

ZEIT ONLINE: Das heißt aber, dass der Sprachunterricht im Großen und Ganzen gut funktioniert ?

Kleist: Die Richtlinien für die Integrationskurse sind stark aufgeweicht worden in den vergangenen zwei Jahren, nur gut 50 Prozent der Integrationslehrer haben Deutsch als Fremdsprache studiert. Allerdings wird das mit viel Engagement teilweise aufgefangen. Grundsätzlich sind die Kurse erfolgreich. Die Absolventen finden leichter einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz als andere.

Außerdem dürfen Menschen, die gute Aussichten haben, Asyl zu bekommen, inzwischen schneller Deutsch lernen. Auch das ist besser geworden. Umgekehrt heißt das aber, dass alle anderen oft jahrelang auf einen Deutschkurs warten. Es wurden zwar auch für sie Integrationskurse light entwickelt, aber nicht alle bekommen einen Platz, und ob sie in den wenigen Stunden viel lernen, ist fraglich.

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung argumentiert, dass abgelehnte Bewerber ja schnell in ihre Heimatländer zurückkehren sollen.

Kleist: Auch für sie wäre Integration wichtig. Die Erfahrung zeigt, dass viele Menschen, etwa über eine Duldung, trotzdem sehr lange in Deutschland bleiben. Sie verschwenden viele Jahre, in denen sie kein Deutsch lernen. Und selbst die, die abgeschoben werden, sollten in der Zeit, in der sie hier sind, so gut wie möglich integriert werden. Sie nehmen die Erfahrungen mit in ihre Heimatländer. Sie können sich nicht nur besser finanzieren, sie nehmen auch Einfluss auf soziale und politische Verhältnisse dort.