Das Abendland wird jetzt auch im Kühlregal verteidigt. Lidl hat hübsche Fotos griechischer Kirchen auf die Verpackung von Oliven und Käse gedruckt, die Kreuze auf den Kuppeln aber wegretuschiert. Anscheinend "aus Respekt vor religiöser Vielfalt". Das reicht 2017 offenbar für ein handfestes Skandalon. Auf der Facebookseite von Lidl gibt es, seit ein belgisches Nachrichtenportal darüber berichtete, kein Halten mehr. Verrat an Kultur und Christentum!, schreit es aus der Kommentarspalte. Mancher Glaube gerät offenbar schon bei einer falschen Lebensmittelverpackung ins Wanken.

Einige rufen deshalb jetzt zum Lidl-Boykott auf, darunter die evangelische Regionalbischöfin von München und Oberbayern, Susanne Breit-Keßler. Bei Twitter schrieb sie: "#Lidl hat auf griechischen Produkten Kreuze wegretouchieren lassen: 'Respekt vor religiöser Vielfalt'. Aus Respekt gehe ich da nicht mehr hin."

Die Supermarktkette ist ein ziemlich normales Unternehmen mit ziemlich normalen Strategien zur Gewinnmaximierung. Normal heißt im Jahr 2017: Mitarbeiter werden überwacht, Zulieferer werden im Preis gedrückt und die Weste wird mit Großspenden (etwa an die Deutsche Tafel) reingewaschen – und, ja, Verpackungen werden hier und da ein wenig geschönt und retuschiert. Christlich ist das alles nicht, das wäre es auch nicht mit Kreuz auf der Verpackung.

Für eine Bischöfin und auch alle anderen Empörten hätte es also lange vor den Fake-Oliven Gründe gegeben, bei Discountern nicht mehr einzukaufen oder auch Modeketten zu meiden, die noch ganz andere Sachen wegretuschieren. Oder wie wäre es mal mit klerikalen Worten zum Dieselskandal? Geht nicht, weil Volkswagen Hauptsponsor des Reformationsjubiläums ist?

Wettbewerb macht vor religiösen Symbolen nur dann Halt, wenn sich ein Produkt damit besser verkaufen lässt. Und das Kreuz ist ein Symbol, von dem die Werbestrategen offenbar glauben, dass jemand lieber zu den Oliven ohne greift. Womöglich machen sich Werbestrategen bei Lidl nach dem Shitstorm deshalb schon Gedanken über besonders abendländische Produktlinien. Wie wäre es mit bekreuzten Kartoffeln?

Auf dem Tempelberg ohne Kreuz

Vergangenes Jahr gab es schon einmal einen Skandal ums Kreuz. Die beiden leitenden Geistlichen der evangelischen und katholischen Kirche hatten ihre Kreuze bei einem Besuch auf dem Tempelberg abgelegt – ähnlich wie Lidl aus Rücksicht auf religiöse Gefühle. Sie wollten niemanden provozieren. Umso heftiger traf sie der Shitstorm, der daraufhin über sie hereinbrach. Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm wurde mangelndes Rückgrat vorgeworfen, sie würden das Kreuz verleugnen und vor den Muslimen niederknien, war der Vorwurf. Das war damals schon grober Unfug. Die ökumenische Doppelspitze bereute ihre Demut später dennoch, wahrscheinlich nur, um die Wogen etwas zu glätten.

Die Kritik tobte damals vor allem in der rechten Ecke, die jetzt auch die Islamisierung der Käsetheke befürchtet. Die Münchener Bischöfin ist dieser Ecke sicher nicht zuzurechnen, wie sie selbst bei Twitter noch einmal beteuerte. In dieselbe Kerbe schlägt sie mit ihrer Boykottankündigung trotzdem – und fällt zudem ihrem Landesbischof in den Rücken, der am Felsendom gezeigt hatte, dass nicht christlich ist, wer ein möglichst großes Kreuz um den Hals trägt, sondern wer christlich handelt, also: wie Christus.

Lidl hat sich inzwischen entschuldigt und wird die Verpackungen verändern. Bei der Überarbeitung der Produktverpackung sei ein Fehler unterlaufen. "Wir behandeln das Thema mit höchster Priorität", sagt der Konzern. Wahrscheinlich wird nun ein Weg gefunden, gar keine Kirchen mehr abzubilden, und somit auch keine Kreuze mehr wegretuschieren zu müssen. Wir können dann wieder getrost Oliven und Käse zu Discountpreisen kaufen. Gott sei Dank.