Eines vorweg: Ich bin keine Quotenmigrantin. Aber im Grunde hätte ich nichts dagegen, eine zu sein. Solange Teilhabe und Chancengerechtigkeit nicht selbstverständlich gelebt werden, sehe ich die Quote als eine Möglichkeit des Ausgleichs – auch oder gerade für die wichtigsten Posten des Landes.

Am Sonntag ist Bundestagswahl. Wir werden in einer Wahlkabine unsere Kreuze machen und entscheiden, wer die Bevölkerung in den kommenden Jahren vertreten soll. Wir wissen zwar noch nicht genau, wie die Wahl ausgeht. Wir können aber sicher sein, dass der Anteil von Abgeordneten mit statistischem Migrationshintergrund weit von dem Anteil in der Bevölkerung abweichen wird (laut Statistischem Bundesamt jeder Vierte). Im aktuellen Bundestag sitzen 37 Parlamentarier mit Migrationsbezügen, das sind 5,9 Prozent. Zu dieser Erhebung zählen allerdings auch Leute, die beispielsweise einen Elternteil aus Belgien haben oder aus den Niederlanden kommen. Es waren etwa eine Handvoll Türkeistämmige dabei und immerhin – zum ersten Mal seit der Gründung der Bundesrepublik – auch zwei schwarze Volksvertreter. Ansonsten war der Bundestag weiß.

Gün Tank ist Geschäftsleiterin des Netzwerks Neue Deutsche Organisationen. Zuvor war sie neun Jahre Integrationsbeauftragte des Bezirks Tempelhof-Schöneberg in Berlin. © Judith Affolter

Schon damals, als ich in meiner früheren Tätigkeit als Integrationsbeauftragte in einem Berliner Bezirk im Rathaus anfing, fiel mir die personelle Zusammensetzung auf. Die Menschen in den Kiezen von Berlin fand ich dort nicht wieder. Die Verwaltung war auch nach einem halben Jahrhundert der Einwanderung weiß geblieben. Fairerweise muss ich darauf hinweisen, dass das Rathaus nicht vollständig weiß war: Die Reinigungskräfte, die an meine Tür klopften, wenn es für mich mal wieder später geworden war, waren aus Einwandererfamilien. Viele freuten sich, dort eine anzutreffen, die es geschafft hat.

Worauf ich hinauswill: Wir brauchen eine Quote für Menschen, die aufgrund von Rassismen Ausgrenzung erleben, für sämtliche gesellschaftliche und politische Bereiche und Ebenen – wie etwa bei den Parteien. Wie sonst will man die Bevölkerung in Deutschland repräsentieren? Aber auch in anderen Bereichen der Politik ist die Migrantenquote notwendig, zum Beispiel in Ministerien, staatlichen Organen, Gremien, Gewerkschaften und so weiter. Ohne Quote zementieren wir das altvertraute Bild, das ich oben skizziert habe: Weiße Deutsche bekleiden zentrale und verantwortungsvolle Positionen, während Menschen of colour ihre Schreibtische putzen und Mülleimer leeren.

In dieser abstammungsgeleiteten Klassengesellschaft fügen sich einige hilflos ein. Andere fordern ihre rechtmäßige Teilhabe an zentralen Positionen ein und erkämpfen sie sich hart. Dabei stoßen sie aber häufig auf Mauern, die sich in den letzten Jahrzehnten als äußerst widerstandsfähig bis unüberwindbar erwiesen haben. Und sie werden bleiben, wenn es keine konsequenten und mutigen Regelungen gibt, die allen Mitgliedern der Gesellschaft einen tatsächlichen Zugang in alle Bereiche gewähren.

Mit einer Quote ließen sich tief verwurzelte diskriminierende Einstellungen und Praktiken langfristig vermindern. Das liegt nicht nur im Interesse von Organisationen und Unternehmen. Letztlich ist es eine zutiefst demokratische Frage: Die Qualität einer Demokratie spiegelt sich am deutlichsten wider im Umgang mit den Menschen an ihren Rändern. Denn unter Demokratie verstehe ich, dass allen das Recht zusteht, die Politik und Gesellschaft mitzugestalten.