Nach dem Anschlag auf die Londoner U-Bahn hat Großbritannien die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Die Warnstufe werde von "ernst" auf "kritisch" erhöht, sagte Premierministerin Theresa May. Das staatliche Terrorismusanalysezentrum rechnet damit, dass ein weiterer Anschlag unmittelbar bevorstehen könnte. Nach einem ersten Treffen mit ihrem Sicherheitskabinett hatte die Premierministerin noch gesagt, man werde die Terrorwarnstufe nicht erhöhen.

Zudem kündigte May nun an, es werde eine höhere Präsenz bewaffneter Polizeikräfte an öffentlichen Plätzen geben. Das Militär werde die Polizei unterstützen. Bei der Bombenexplosion an der oberirdischen Station Parsons Green waren mindestens 29 Menschen verletzt worden. Die meisten von ihnen erlitten Verbrennungen. Viele konnten nach einer Behandlung im Krankenhaus wieder entlassen werden.

Scotland Yard: "Jagd" auf Verdächtige

Die Polizei und der Inlandsgeheimdienst MI5 fahnden unterdessen mit Hochdruck nach dem Täter oder den Tätern. Es werde "Jagd auf Verdächtige" gemacht, sagte Scotland Yards Antiterror-Chef Mark Rowley. "Unsere Ermittlungen schreiten mit großer Geschwindigkeit voran." Einzelheiten zu den Verdächtigen oder der Bombe wollte Rowley aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen.

Nach einem Bericht des Guardian wurden bereits Videoaufzeichnungen aus Überwachungskameras ausgewertet, auf denen zu sehen ist, wie der Bombenleger mit dem Sprengsatz in die U-Bahn einsteigt.

May: Explosion sollte "enorme Schäden" anrichten

Die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte das Bombenattentat für sich. Über die ihr nahestehende Agentur Amak erklärten die Islamisten, die Explosion der Bombe in der U-Bahn sei von "einer Abteilung" des IS verursacht worden. In einer weiteren Nachricht hieß es, es sei "Soldaten des Kalifats" gelungen, mehrere Sprengsätze zu platzieren, von denen einer 30 Menschen getroffen habe. Das Schlimmste komme jedoch noch.

Die britischen Sicherheitsbehörden äußerten sich bislang nicht zu möglichen Drahtziehern des Anschlags.

Nach Angaben der Antiterrorabteilung der britischen Polizei war der Sprengsatz selbst gebaut und detonierte nicht vollständig. Fotos, die vom Tatort stammen sollen, zeigen einen weißen Eimer, der in einer Supermarkttüte steht, und aus dem Drähte herausschauen. Aus seinem Inneren lodern kleinere Flammen. Die BBC berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen, der verwendete Sprengsatz sei mit einem Zeitzünder versehen gewesen. Die Explosion in der Londoner U-Bahn sollte nach Angaben der britischen Premierministerin Theresa May "enorme Schäden" anrichten. In einer Fernsehansprache verurteilte sie den "feigen Angriff".

Fahndung läuft, Trump twittert

Angaben des US-Präsidenten Donald Trump, wonach die Attentäter schon vor der Tat "im Visier von Scotland Yard" gewesen seien, bestätigten die britischen Behörden nicht. Die Londoner Polizei sprach von einer "nicht hilfreichen Spekulation" des US-Präsidenten. Trump wisse nicht, wovon er rede, sagte Nick Timothy, der frühere Stabschef von Premierministerin Theresa May. Ob die Anmerkung des US-Präsidenten zutreffe oder nicht – sie sei "wenig hilfreich" vom Präsidenten eines Landes, mit dem Großbritannien in der Geheimdienstarbeit kooperiere, schrieb Timothy auf Twitter. May selbst sagte, es sei "nie hilfreich, über eine laufende Ermittlung zu spekulieren".

Noch ist unklar, ob die britischen Behörden konkrete Hinweise auf den oder die möglichen Täter hatten. Träfe dies zu, dann hätte Trump die Information preisgegeben, bevor die britischen Behörden damit an die Öffentlichkeit gingen.

Anschließend habe Trump May angerufen, um über den "feigen" Anschlag zu reden, teilte ihr Büro mit. Der US-Präsident habe vom Angriff eines "Versager-Terroristen" gesprochen. Er kritisierte das Vorgehen der britischen Polizei; diese habe die "kranken und verrückten" Menschen in Sichtweite gehabt und hätte die Initiative ergreifen müssen. May sagte daraufhin, sie halte Spekulationen über den Bomber für nicht hilfreich. Trumps nationaler Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster relativierte diese Aussage wenig später. Der Präsident habe generell davon gesprochen, dass solche Vorfälle verhindert werden sollen. Nach Angaben des Weißen Hauses kam im Gespräch mit May auch Trumps Tweet zur Sprache.

Bereits nach dem Attentat auf ein Popkonzert der US-Sängerin Ariana Grande im Mai in Manchester mit 22 Todesopfern hatte es Spannungen zwischen den britischen und den US-Behörden gegeben. Britische Behördenvertreter waren verärgert darüber, dass mit den US-Partnern geteiltes Material an die Medien gelangt war. Die New York Times hatte damals Fotos von den Resten der Bombe veröffentlicht. Außerdem hatte Trump nach dem Anschlag in London, bei dem Anfang Juni sieben Menschen getötet worden waren, den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan mit dem Vorwurf verärgert, dass dieser die terroristische Bedrohung nicht ernst nehme.

Die Bombe in London explodierte mitten im morgendlichen Berufsverkehr. Die Station Parsons Green liegt im westlichen Zentrum der Millionenmetropole, nahe dem Stadion des Fußballclubs FC Chelsea. Augenzeugen berichteten von einem lauten Knall und einer "Feuerwand" beziehungsweise einem "Feuerball" in der Bahn.