Die brasilianische Armee ist in die größte Favela des Landes eingerückt, um die Polizei im Kampf gegen schwer bewaffnete Drogenschmuggler zu unterstützen. Fast 1.000 Soldaten wurden am Freitag mit gepanzerten Fahrzeugen, Lastwagen und Hubschraubern in das Armenviertel Rocinha in Rio de Janeiro transportiert. Verteidigungsminister Raul Jungmann sagte im Fernsehen: "Wir werden dort die ganze Nacht bleiben, mindestens bis morgen." Zuvor hatte der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Luiz Fernando Pezão, rasche Unterstützung angefordert.

In der Favela lieferten sich Polizisten und Gangster seit dem frühen Morgen heftige Schussgefechte. In Rocinha leben rund 70.000 Menschen. Der Fernsehsender Globo TV zeigte Amateurvideos, auf denen Männer mit Gewehren und Pistolen zu sehen waren. In der Nähe eines Tunnels unter der Favela wurde ein Bus in Brand gesteckt, eine wichtige Schnellstraße wurde vorübergehend von der Polizei gesperrt. Über der Favela stand schwarzer Rauch, es waren Schüsse zu hören.

Ein großes Polizeiaufgebot schützte auch eine nahe der Favela gelegene Metrostation, damit Tausende Musikfans zum Festival Rock in Rio im Stadtteil Barra anreisen konnten. Auch in Favelas im Norden der Stadt kam es zu Feuergefechten, zwei Jugendliche wurden verletzt.

Machtzunahme von Drogenbanden

Nachdem viele Armenviertel in den vergangenen Jahren erfolgreich mit den sogenannten UPP-Polizeieinheiten (Unidade de Polícia Pacificadora) befriedet werden konnten, gerät die Lage zunehmend außer Kontrolle. Seit den Olympischen Spielen vor rund einem Jahr hat sich die Lage dramatisch verschlechtert.

Bereits Ende Juli waren 8.500 Soldaten entsandt worden, um in der 6,5-Millionen-Metropole die Machtzunahme von Drogenbanden zu bekämpfen. Im ersten Halbjahr wurden im Bundesstaat Rio de Janeiro 2.723 Menschen getötet, das sind 10,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Wegen der angespannten Lage sind auch die Tourismuszahlen eingebrochen, die Auslastung der Hotels in Rio lag laut der Tourismusbehörde zuletzt bei unter 50 Prozent. Sorgen bereitet auch die Alltagskriminalität.

Rio kämpft mit enormen Finanzproblemen, was zu Sparmaßnahmen auch bei der Polizei und zur Reduzierung von Unterstützungsmaßnahmen in den Armenvierteln führte. Viele der Favelas sind rechtsfreie Räume, kriminelle Banden steuern von hier den Drogen- und Waffenhandel und finanzieren sich darüber. Den größten Einfluss hat das sogenannte Comando Vermelho, das "Rote Kommando".