ZEIT ONLINE: Herr Grünewald, neulich hatten Sie gesagt, die meisten wollen ihr schönes Auenland verteidigen gegen das Grauenland von außen. Dafür wählen sie weiter Angela Merkel. Daneben scheint es jedoch eine Parallelgesellschaft zu geben: Wütende Menschen fahren in gut organisierten Gruppen zu Wahlkampfveranstaltungen der Bundeskanzlerin und brüllen "Hau ab". Wie erklären Sie diese Wut?

Stephan Grünewald: In unserer aktuellen Bundestagswahlkampfstudie haben wir das Rumoren und Wüten analysiert. Die seelische Situation vieler Wähler ist sehr kippelig: Sie beschreiben Deutschland zwar als Wohlstandsinsel mit sicheren Arbeitsplätzen und Rechtsstaatlichkeit. Doch kurz darauf sehen dieselben Menschen Deutschland als verwahrlostes Land mit kaputten Autobahnen, maroden Schulen und kaum noch finanzierbaren Wohnungen. In den Gesprächen haben wir gesehen, wie die beiden Perspektiven ständig hin- und herkippen. Viele Menschen hatten die Hoffnung, im Wahlkampf für sich selbst einen klaren Kurs zu finden. Aber es gelingt ihnen nicht.

ZEIT ONLINE: Und das können AfD und NPD nutzen, um Angela Merkel als Hassfigur statt als schützende Mutterfigur zu inszenieren?

Grünewald: Ja, und die Öffentlichkeit empfindet auch eine große Lust an dieser Inszenierung. Bei so viel Einträchtigkeit etwa im Kanzlerduell blickt man statt auf den Wahlkampf lieber ins tobende Publikum. Das Rumoren und die Unzufriedenheit sind überall zu spüren, die Wut wird jedoch nur in der rechten Ecke derart hasserfüllt ausagiert. Viele Menschen, die sich nicht wahrgenommen, nicht verstanden und nicht wertgeschätzt fühlen, rebellieren offen im öffentlichen Raum. Besonders viele Menschen im Osten fühlen sich durch die Politik entmündigt. Sie wollen tätig werden, und sei es nur aus Trotz. In ihrer Wahrnehmung werden die Flüchtlinge bevorzugt.

ZEIT ONLINE: Wut lässt sich auch von links mobilisieren, wie wir beim G20-Gipfel in Hamburg gesehen haben. Gibt es Themen, bei denen die Anhänger der Linken ähnlich wütend werden könnten?

Grünewald: Die Randale autonomer Gruppierungen hat nichts mit dem Wahlkampf und der aktuellen Enttäuschung der Wähler zu tun. Die Gruppierungen nutzen die internationale Bühne, um auch mit Gewalttiraden eine Gegeninszenierung zu starten. Auch die Linke ist eine Protestpartei, aber ihre Anhänger sind nicht so wütend. Sie wollen spürbare Veränderungen in Sachen sozialer Gerechtigkeit. Sie wollen wie viele AfD-Wähler mit der Wahl ein Signal setzen, aber sie machen keinen Krawall.

Rosenheim - Demonstranten stören Merkel-Auftritt Bei einer Wahlveranstaltung in Rosenheim haben AfD-Anhänger die Bundeskanzlerin ausgepfiffen. Merkel konterte, mit Pfeifen und Schreien würden die Probleme in Deutschland nicht gelöst. © Foto: Matthias Balk/dpa