Rassismus ist in Deutschland nichts Neues – dass eine Partei mit einer rassistischen Agenda als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzieht, markiert jedoch eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das rasante Wachstum der AfD zeigt aber noch etwas anderes: Die Mär vom Rassismus am rechten Rand ist nicht haltbar. Die zukünftigen AfD-Abgeordneten sind Ingenieure, Staatsanwälte, Anwälte und Richter. Sie werden nun im Zentrum der politischen Entscheidungsfindung stehen und unser Leben beeinflussen.

Jamie Schearer-Udeh ist Vorstandsvorsitzende des Europäischen Netzwerks für Menschen afrikanischer Abstammung (ENPAD). 2013 hat sie außerdem das Twitter-Projekt #SchauHin mitbegründet, das auf Alltagsrassismus in Deutschland aufmerksam macht. © Tahir Della

Was folgt also daraus? Mein Vorschlag nach jahrelanger antirassistischer Arbeit: Wir sollten uns in den kommenden vier Jahren auf allen Ebenen bewusst dafür entscheiden, eine vielfältige Gesellschaft zu gestalten, anstatt unsere ganze Zeit und Energie in die Abwehr der Worte oder der Vorhaben der AfD zu stecken. Dieser Kampf bündelt zu viele Ressourcen und erreicht zu wenig.

Eine einfache Art, rassistische Politik zu untergraben und Widerstand zu leisten, ist, jenen Raum zu geben, die normalerweise an den Rand gedrückt werden: Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen* of Colour oder LSBTIQ-Personen sind nur wenige Beispiele. Dafür braucht es keine Medien oder Politiker, das können wir alle. Viel zu oft denken wir, unsere Handlungen hätten keine Wirkung. Wir hätten keine Macht. Dabei gestalten wir mit alltäglichen Entscheidungen jeden Tag die Gesellschaft mit: Welche Inhalte teile ich online und wem geben ich so eine Plattform? Wen lade ich für ein Vorstellungsgespräch ein? Welche Firma frage ich für das Catering an? Mit wem verbringe ich Zeit und bilde Netzwerke? Auf diese Weise machen wir jene sichtbar, die durch Rassismus unsichtbar gemacht werden.

Weiterhin handelt Deutschland im eigenen Interesse, wenn es die Abwanderung von Menschen mit Rassismuserfahrung verhindert. Mit dem zunehmend aggressiver werdenden politischen Klima – ich erinnere an die Mordserie durch den sogenannten NSU, die brennenden Asylunterkünfte und das Erstarken von Pegida – sind in den letzten zwei Jahren fünf Menschen aus meinem näheren Bekannten- und Freundeskreis ins Ausland gezogen. Sie alle sind hier aufgewachsen und haben studiert. Sie sind Politikwissenschaftler, Mathematiker, Soziologen und Geografen. Deutschland hat für ihre Ausbildung Tausende von Euro ausgegeben und sie sind exzellente Arbeitskräfte. Sie haben wie ich gelernt, als schwarzes Kind doppelt so hart arbeiten zu müssen, um erfolgreich in der Schule, Universität und später im Beruf zu sein. Dabei attestierte die letzte Pisa-Studie Deutschland Versagen bei den Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund, kein anderes Land in Europa schneidet so schlecht ab. Ihre Leistungen zeugen von Ehrgeiz und Resilienz. Heute sind jedoch Kanada, England und Ghana ihr neues Zuhause. Auch andere in meinem Umfeld überlegen, zu gehen. Ihre Abwanderung kann sich Deutschland in Zeiten von Fachkräftemangel eigentlich nicht leisten.

Nicht alle haben aber die Möglichkeit, auszuwandern – und viele wollen es auch nicht, denn Deutschland ist seit Generationen ihr Zuhause. Diese Menschen sollten wir fördern, damit sie dieselben Chancen haben wie alle anderen. Bisherige Quotenregelungen helfen aber kaum; gerade Frauen of Colour fallen aus dem Raster. Es gibt zum Beispiel eine Frauenquote für Aufsichtsräte, sie greift für 108 Unternehmen in Deutschland. Für Frauen of Colour ist aber schon lange vorher Schluss. Für dieses Problem fehlt aber jegliches Bewusstsein. In Studien zur Internationalität von Dax-Unternehmen spielt Gender keine Rolle, bei Studien zur Geschlechterverteilung in Aufsichtsräten werden Frauen of Colour nicht benannt. Als könne beides – Frausein und ein diverser Hintergrund – nicht gleichzeitig in einer Person existieren. Die Frauenquote geht also an vielen Frauen vorbei und erst recht an jenen, die nicht als Frauen mitgedacht wurden, wie Frauen of Colour, aber auch trans*Frauen oder behinderte Frauen.

Potenziale in der Gesellschaft ausschöpfen

Schließlich sollten unsere Gesetzgeber einen angemessenen Rahmen für eine vielfältige Gesellschaft schaffen. Hilfreich könnten Beratungsgremien sein, wie zum Beispiel ein Sachverständigenrat zur Begutachtung inklusiver Familien- und Frauenpolitik und zivilgesellschaftlicher Teilhabe. Auch bei Fachgesprächen oder Anhörungen würde es sich anbieten, mehr Expertinnen zu berücksichtigen, die selbst aus gesellschaftlich benachteiligten Gruppen kommen und damit einen tieferen Einblick in ihre Lebenswelten haben. Zu oft wird über uns statt mit uns gesprochen. Ich rufe ja auch keinen Bäckermeister, wenn ich einen Rohrschaden habe.

Es braucht in den kommenden Jahren also eine Verschiebung des Bewusstseins. Anstatt die AfD in den Fokus zu rücken, sollten wir die Potenziale in der Gesellschaft ausschöpfen. Allen Menschen zuhören und jene einbeziehen, die derzeit kaum gehört werden. Wir brauchen Datenerhebungen, die Schwachstellen und Erfolgsmodelle abbilden und uns erlauben, Gleichstellung in der Gesellschaft voranzutreiben. Und: Wir brauchen Förderungsmaßnahmen für benachteiligte Gruppen. Wenn wir verstanden haben, dass Frauen Förderungsmaßnahmen brauchen, dann sollte der Transfer für andere Gruppen – wie People of Colour, LSBTIQ, sozial Benachteiligte und Menschen mit Behinderung, die noch weniger teilhaben –, nicht schwer sein.