Im Zentrum der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung Barcelona haben Hunderttausende Menschen für die Einheit Spaniens demonstriert. Auf dem Marsch vom zentralen Urquinaona-Platz zum Bahnhof Estació de França sangen die Menschen "Viva España" und schwenkten rot-gelbe Fahnen. Sie forderten lautstark die Festnahme des katalanischen Regierungschefs Carles Puigdemont. Auch aus anderen Regionen Spaniens waren Teilnehmer in Bussen und Zügen angereist. Laut offiziellen Polizeiangaben nahmen etwa 350.000 Menschen an der Kundgebung teil.

Zu der Kundgebung unter dem Motto "Es reicht! Lasst uns zur Vernunft zurückkehren" hatte die Organisation Katalanische Zivilgesellschaft aufgerufen, sie lehnt die Unabhängigkeitsbestrebungen ab. Auch Rajoys konservative Volkspartei (PP) sowie deren parlamentarische Verbündete Ciudadanos unterstützen die Demonstration. "Die Einheit Spaniens steht nicht zur Wahl – sie muss verteidigt werden", hieß es auf einem Schild der Demonstranten.

An der Demonstration beteiligte sich der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Der Peruaner, der auch die spanische Staatsangehörigkeit besitzt, sagte in einer Rede, die spanische Demokratie werde jeder "Unabhängigkeitsverschwörung" standhalten. Nationalisten hätten in der Geschichte "die größten Schäden" angerichtet. Seinen einstigen Wohnort Barcelona würdigte der 81-Jährige als weltoffene "Kulturhauptstadt Spaniens".

Spanien - Proteste gegen Unabhängigkeit Kataloniens in Barcelona In Barcelona haben laut Polizeiangaben 350.000 Menschen gegen die Abspaltung Kataloniens von Spanien und für die Einheit des Landes demonstriert. © Foto: Emilio Morenatti/dpa

Ruft das Regionalparlament bald die Unabhängigkeit aus?

Die spanische Zentralregierung hatte am vergangenen Wochenende mit einem umstrittenen Polizeieinsatz versucht, das vom Verfassungsgericht für rechtswidrig erklärte Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens zu verhindern. Hunderte Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der katalanischen Regionalregierung hatten 90 Prozent der Teilnehmer für eine Abspaltung von Spanien gestimmt. Allerdings hatte sich nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten beteiligt.

Das gewaltsame Vorgehen der Polizei sorgte für Kritik. Unter der Woche demonstrierten Zehntausende Katalanen gegen die Polizeigewalt, öffentliche Einrichtungen wurden teilweise bestreikt. Die EU rief die katalanische Regionalregierung und die Zentralregierung in Madrid zum Dialog auf, ohne die Gewalt direkt zu verurteilen. In seiner mit Spannung erwarteten Fernsehansprache brachte König Felipe VI. keine Kritik am Polizeieinsatz zum Ausdruck. Erst am Ende der Woche äußerte ein Vertreter der spanischen Zentralregierung Bedauern für das gewaltsam Vorgehen der Sicherheitskräfte.

Das katalanische Regionalparlament könnte bereits am Dienstag die Unabhängigkeit von Spanien ausrufen. Eine für Montag geplante Parlamentssitzung hatte das spanische Verfassungsgericht zwar verboten, um die Proklamation der Unabhängigkeit zu verhindern. Regionalpräsident Carles Puigdemont will aber dennoch vor das Parlament treten. Allerdings verschob er seine Rede auf Dienstag.

Rajoy stellt Entzug der Autonomierechte in Aussicht

Ministerpräsident Rajoy kündigte in einem Zeitungsinterview an, er werde "sicherstellen", dass eine Unabhängigkeitserklärung Kataloniens "zu nichts führen wird". "Ich schließe nichts aus", sagte Rajoy der Zeitung El País auf die Frage, ob die Zentralregierung in Madrid Artikel 155 der Verfassung anwenden könnte. Damit könnte Madrid die Regionalregierung entmachten und Katalonien die Teilautonomie entziehen.

"Aber ich muss die Dinge zur rechten Zeit machen", fügte Rajoy hinzu. Mit Blick auf die katalanische Führung sagte er, es sei "noch immer Zeit", zurückzurudern und eine harte Reaktion Madrids zu verhindern. Rajoy wiederholte zudem seine Weigerung, über die Einheit des Landes zu verhandeln. Madrid führe "keine Gespräche unter Drohungen".