"Bis zu meinem elften Geburtstag war meine Kindheit ganz okay", sagt Renate Viehrig-Seger. "Mal abgesehen von der Prügel, die ich immer wieder von meinem Vater bekam." Gewalt und Missbrauch zogen sich durch ihre Kindheit und Jugend, so heftig, dass sie ganz eigene Kategorien für das Ausmaß entwickelt hat.

Renate Viehrig-Seger war ein Kind der DDR und in der gab es so gut wie keine Chance, dass Tragödien wie ihre an die Öffentlichkeit gelangten. Dass ihr irgendwer zu Hilfe kam. Geboren ist sie 1959, aufgewachsen mit zehn Geschwistern, einem aggressiven Vater und einer Mutter, die vor allem weggeschaut hat. Als sie pubertierte, waren ihrem Vater Schläge nicht mehr genug. "Er holte mich nachts ins Wohnzimmer, um mich anzufassen. Im Raum daneben lag meine Mutter. Als sie ins Wohnzimmer kam, schnauzte mein Vater sie an, dass sie abhauen soll."

Renate Viehrig-Seger suchte Hilfe bei Ämtern, aber niemand glaubte ihr. Sie begann, zu verzweifeln. "Ich wurde rabiat, habe geklaut und über die Stränge geschlagen." Immer wieder versuchte sie, von zu Hause abzuhauen, aber jedes Mal wurde sie von der Polizei wieder zu den Eltern zurückgebracht. Irgendwann sagte ihre Mutter: "Es reicht, du gehst ins Heim."

Zunächst war dieser Weg für das Mädchen eine Erleichterung. "In dem Kinderheim, in das ich zuerst kam, gab es Ordnung, Sauberkeit, Struktur, so etwas kannte ich von zu Hause nicht." Bald darauf wurde sie jedoch in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt, der zu den schlimmsten Institutionen des Staates gehörte, gedacht zur "Umerziehung" nach sozialistischen Maßstäben.

Insgesamt 474 staatliche Kinderheime gab es in der DDR. Davon waren 38 sogenannte Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe, in denen jene Heranwachsenden verwahrt wurden, die als schwer erziehbar und verhaltensauffällig galten. Viele Kinder und Jugendliche haben dort die Hölle erlebt. Im Jugendwerkhof Torgau wurde auch für Renate Viehrig-Seger alles nur noch schlimmer. "Ich habe dort nächtlichen Besuch vom Direktor bekommen, der mich vergewaltigt hat." Als sie einem Erzieher davon erzählte, bekam sie auch dort keine Hilfe, stattdessen zwei Tage Arrest, weil sie Lügen erzählt habe.

Eine Gedenkstätte für Missbrauchsopfer der DDR

Heute, knapp drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR-Diktatur, sitzt Renate Viehrig-Seger vor einem großen Publikum und erzählt von ihrer Kindheit. Sie ist eine von vielen Betroffenen, die auf Einladung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs nach Leipzig gekommen sind. Eine Tagung soll Aufmerksamkeit für ein Kapitel schaffen, das 40 Jahre ein Tabu war. Und dann, als es möglich gewesen wäre, darüber zu sprechen, zunächst kaum jemanden interessierte. Als Renate Viehrig-Seger eine Zusammenfassung ihrer eigenen Geschichte vom Tonband hört, kommen ihr die Tränen. "Ich kämpfe immer noch mit mir selbst. Aber wenn keiner drüber redet, passiert auch nichts."

Zum ersten Mal hat sie vor zwei Jahren die Tür zur Vergangenheit geöffnet. Dafür ist sie nach Torgau zurückgekehrt, auf das Gelände des ehemaligen Jugendwerkhofs, wo heute eine Gedenkstätte untergebracht ist – und seit 2011 eine Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer der DDR, die erste und lange Zeit die einzige Anlaufstelle für Betroffene aus Ostdeutschland, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Erst jetzt ist es vielen Menschen möglich, über das Erlebte zu sprechen, es zu verarbeiten.