Mit der deutschen Einheit steht es gar nicht so schlecht. Alle sagen jetzt alles, was sie stört: Aus dem Osten Richtung Westen empörungsaufgeschäumt oder clever schlitzohrig. Der Westen Richtung Osten vielfach mit einem Gähnen, das sich mit Interesse maskiert und doch eigentlich fragt: "Haben wir immer noch nicht genug Geld rübergeschüttet – was wollen die nur?!"

Das alles ist viel besser und fast entspannter geworden als 1990, einer Zeit der Euphorie und der Depressionen, die auf merkwürdigste Weise miteinander verwoben waren. Die einen erwarteten vom Westen zu viel, die anderen gar nix. Ich habe mir immer nur Reaktionen notiert und ließ die in geringer Dosierung in meine Glossen, Kommentare einfließen. Zwei extreme Beispiele: Ein Brandenburger Besucher in Iserlohn (ein nettes, völlig unproblematisches Städtchen – sage ich) brach seinen Besuch bei einem West-Bekannten im März 1990 ab: Er bekäme Kopfschmerzen, da würden zu viele ausländisch reden, das hielte er nicht aus. Der Kontrast: Berliner Pressefest, eher eine Domäne der Linken in vielen Nuancierungen, am Alexanderplatz. Einer dort hatte etwas von mir in einer Linksaußen-Zeitschrift gelesen. Er vermutete in mir einen Gleichgesinnten und fragte sinngemäß: Wie ich die Lage einschätze, wann denn die Revolution beginne und welche Gebäude in Berlin zuerst besetzt werden müssten. Er wirkte nicht überdurchschnittlich psychisch gefährdet.

Lutz Rathenow, 1952 in Jena geboren, Erfinder und Leiter eines Arbeitskreises Literatur bis zu dessen Verbot. Literarische Veröffentlichungen, grenzüberschreitender Netzwerker für die unabhängige Friedensbewegung und subkulturelle Aktivitäten. Nach dem Ende der DDR Lyriker, Kinderbuchautor, Satiriker, Prosaist, Rundfunkkolumnist. Seit 2011 Sächsischer Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen, seit 2017 zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Er arbeitet und lebt in Dresden und Berlin. © Harald Wenzel-Orf

Die Berliner waren überwiegend zufrieden mit ihrer Maueröffnung und der Berliner Vereinigung. Mehr Deutschland brauchten viele nicht. Sie merkten nicht, wie egoistisch dies gegenüber dem Rest Ostdeutschlands faktisch war. Dass ihre Maueröffnung ohne die Demonstrationen (und deren Vorbereitung) in Leipzig ab September 1989 nicht möglich gewesen wären – wer hatte das damals schon auf dem Schirm? Von Plauen am 7. Oktober 1989 reden wir einmal gar nicht – da demonstrierten an dem Tag mehr Leute als in Ostberlin und auch die Losung "Wir sind ein Volk" war dort – in Grenznähe – schon zu hören. Und in Dresden war kurz zuvor in einer wieder anderen Situation durch mutige Menschen (Gruppe der 20) höchstwahrscheinlich eine gewaltsame Eskalation von Seiten des Staates verhindert worden, wobei sich auch die Demonstranten auf dem Bahnhof nicht alle gewaltfrei verhielten.

Das klingt wie etwas Ausschließendes

Natürlich ist ein Gebrauch der Losung "Wir sind das Volk" heute durch Verbitterungspopulisten anmaßend. Damals sollte daran erinnert werden – in Leipzig, Dresden und andernorts – dass die Demonstranten AUCH das Volk sind. Und nicht nur die Polizisten und Staatsvertreter. Heute klingt es oft wie ein: Nur wir sind das Volk, das hat etwas Ausschließendes, Unangenehmes.

Dennoch gibt es kein Copyright auf diese Forderung und wenn jedes Volk darauf besteht, ein besonderes zu sein und sich von anderen zu separieren oder abzugrenzen, so bleibt nur noch die genaue Geschichtsbetrachtung als Aktivitätsanreger für die Gegenwart. Heute kommen die Probleme aus völlig verschiedenen Ecken und berühren sich in den Biografien.

Der Osten kennt seine Möglichkeiten, seinen Missmut vielfältig auszuleben. Nach der Linken ist nun aus verschiedenen Gründen die AfD der Aufmerksamkeitscatcher – die in Sachsen auch deshalb so beängstigend stark abschnitt, weil sich ihre Chefin vor der Wahl deutlich öffentlich von den Identitätsbewahrungspopulisten in der Partei abzugrenzen versuchte. Eine Sachsen-AfD, die ihren Höhenflug dort vielleicht schon hinter sich hat, weil sich neben Frauke Petry letzte Woche der halbe Parteivorstand zurückzog

Die eigene Geschichte wird zum Testlauf

In Sachsen zeigt sich manches deutlicher und kontrastreicher, was auch andernorts auftritt. Das braucht föderale Lösungsansätze und politische Vorgaben aus Berlin, die politische Bildungs- und Beratungsarbeit in jeglicher Weise fördern. Wo es geht, auch grenzüberschreitend, in Richtung Tschechien und Polen.

Auch Demokratiediskurse können Populismus beschleunigen, wenn sie zu abgehoben geführt werden. Deshalb muss alles getan werden, die schon vorhandenen authentischen Orte zu erhalten und zu stärken, Bildungsarbeit in jeglicher Form zu fördern. Und sich damit in die Orte Ostsachsens, ins Erzgebirge, Vogtland und in die Lausitz zu bewegen. In einer Mischung aus Biografie-Beratung und Bildungsarbeit, die vielleicht die reinen politischen Bildungsträger gar nicht leisten können.

Die Art der Vermittlung der Geschichte und das Gespräch über die eigene Geschichte wird zum Testlauf, wie sehr sich Menschen heute ernst genommen fühlen von der Politik.