Es ist ein Sommertag, um elf Uhr am Morgen. Ines Wuttke steht an der Haltestelle und schaut auf ihr Smartphone. Laut App soll der Bus pünktlich sein. Ist er aber nicht. Um 10.55 Uhr schon hätte er in Wolpertshausen abfahren sollen. "Bestimmt Stau auf der A6", sagt die 33-Jährige und aktualisiert die Anzeige auf ihrem Handy. Der Bus, lässt die App wissen, hat zehn Minuten Verspätung. Wahrscheinlich fährt er gerade über die Kochertalbrücke, die höchste Talbrücke Deutschlands, von der sich Jugendliche in Wolpertshausen erzählen, dass die Arbeiter bei ihrem Bau abgestürzt und bis heute in den 185 Meter hohen Pfeilern einbetoniert sind.

Wolpertshausen ist auf den ersten Blick ein Ort fernab von Allem. Er liegt im Nordosten Baden-Württembergs, 1.200 Menschen leben hier. Im Ortskern stehen Schweineställe, Gülle liegt in der Luft. Ohne Auto kam man hier lange nur schwer weg, und wenn dann nur in die nächst größeren Kleinstädte, nach Crailsheim oder Schwäbisch Hall. Seit einigen Monaten aber hält in Wolpertshausen regelmäßig ein Bus der Firma Flixbus. Er fährt direkt nach Berlin. Sechseinhalb Stunden dauert die Fahrt laut Fahrplan. Wie hat das den Ort verändert?

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Um 11.06 Uhr nimmt der grüne Reisebus die Abfahrt 44 Ilshofen/Wolpertshausen der A6, fährt ein kurzes Stück auf der Hauptstraße den Berg hoch, biegt rechts ab, wendet an der Tankstelle und kommt vor dem Regionalmarkt zum Stehen. Der Fahrer überprüft die Tickets der Fahrgäste und verstaut ihr Gepäck. Drei Jungs nutzen die kurze Pause für einen Joint.

Ines Wuttke setzt sich in die drittletzte Reihe, ein Platz am Gang. Sie ist im Prenzlauer Berg im Osten der Stadt aufgewachsen. Vor acht Jahren ist sie mit ihrem Mann für einen Job bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall nach Schwäbisch Hall gezogen, in die große Stadt – zumindest von Wolpertshausen aus gesehen. Nach einigen Besuchen hat die Region auch ihren Berliner Eltern so gut gefallen, dass sie ihrer Tochter nach Hohenlohe gefolgt sind, in die Region zwischen Schwaben und Franken, zu der auch Wolpertshausen gehört.

Hannes Leitlein ist Redakteur bei Christ & Welt. © privat

Ines Wuttke will seither nicht mehr weg aus Hohenlohe. Sie hat mit ihrem Mann ein Häusle gebaut, in Waldenburg, auf der anderen Seite des Kochertals. Wer bei der "Bauschbarkass" anfängt, wie man in Hohenlohe sagt, bleibt meist ein Leben lang. Ihr gefällt das Leben auf dem Land, sie ist schnell heimisch geworden. "Hier ist die Welt noch in Ordnung", sagt sie. Es werde nicht immer alles gleich kaputtgemacht, wenn beispielsweise jemand etwas bepflanzt. "Auch liegt nicht überall Hundescheiße rum." Müsste sie die Schwaben mit einer Tätigkeit charakterisieren, es wäre das Fegen. Alle seien hier zwar dem Klischee entsprechend sehr fleißig, gleichzeitig aber auch entspannt. "In Berlin hätte ich Angst um meine Kinder", sagt Wuttke. Es könne ja überall etwas passieren. Das sei in ihrer Kindheit noch anders gewesen. Nun will sie zum Wochenende in die alte Heimat, eine Berliner Freundin feiert ihren Junggesellenabschied. Den Flixbus nimmt sie zum ersten Mal.

Ines Wuttke © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Der Mann, der den Bus nach Wolpertshausen gebracht hat, heißt Christian von Stetten. "Die grünen Busse fuhren sowieso schon durch Hohenlohe", sagt er, "leider bisher ohne Halt." Von Stetten ist CDU-Bundestagsabgeordneter für Hohenlohe, den Wahlkreis, in dem auch Wolpertshausen liegt. Die Idee mit dem Flixbus hatte von Stetten schon vor mehr als einem Jahr. In einer Rede bei einer Jubiläumsfeier in Wolpertshausen hat er aus seiner Idee ein Versprechen gegenüber den Bürgern und ihrem Bürgermeister gemacht. Manchmal habe er sich später darüber geärgert, erzählt er heute. Es sei nicht einfach gewesen, Flixbus von der Notwendigkeit einer Haltestelle in seinem Wahlkreis zu überzeugen. Das Unternehmen hielt  es für zweifelhaft, dass Wolpertshausen einen eigenen Halt braucht. Wahr gemacht hat von Stetten sein Versprechen am Ende trotzdem.

Der CDU-Politiker Christian von Stetten © Karlheinz Schindler/dpa

Für Christian von Stetten ist der Vorteil der neuen Busverbindung offensichtlich: Eine zweite Brücke für Züge über das nahegelegene Kochertal sei nicht zu finanzieren, der öffentliche Nahverkehr in der Gegend dünn, die Region abgehängt. Dafür aber liege Wolpertshausen direkt an der Autobahn. Es gebe von dort eine Busverbindung zur Hochschule in Schwäbisch Hall, und: Es gab schon damals eine Haltestelle für Reisebusse. Schon viele Jahre kommen Touristen nach Wolpertshausen, um sich eines der berühmten Schwäbisch-Hällischen Landschweine anzusehen, die wegen ihrer schwarzen Flecken hier auch "Mohrenköpfle" genannt werden. Vermarktet wird das Schwein von der "Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall". Was nach einem stinknormalen Bauernverband klingt, ist inzwischen ein Lobbyverband mit knapp 120 Millionen Euro Umsatz und 450 Mitarbeitern, allen voran der vielleicht mächtigste Bürger von Wolpertshausen: Rudolf Bühler.

Bühler, 65 Jahre alt, hat seinen Sonnenhof gleich gegenüber des Rathauses. Einige der Büros des Verbandes sind gleich dahinter angesiedelt. Auch sonst ist das Dorf geprägt von Rudolf Bühler. Das Magazin Brand Eins nannte den Landwirt einst den "Bauernführer". Er hat nicht nur die "Mohrenköpfle" vor dem Aussterben bewahrt, auch Wolpertshausen hat ihm einiges zu verdanken. Vor zwanzig Jahren gab es im Ort lediglich eine Bäckerei, einen kleinen Getränkehandel und eine alte Tankstelle. Heute sieht man als erstes Bühlers großen Regionalmarkt, wenn man in den Ort hineinfährt. Der Werbeturm für den Regionalmarkt, der mit seiner Größe an Türme von Fastfoodketten erinnert, ist kilomerweit zu sehen.