Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt wird Angelina Jolie gern deutlich: "Wir leben in einer Welt, in der Zehntausende, Hunderttausende vergewaltigt werden können", sagte sie zum fünfjährigen Geburtstag ihrer Initiative zur Vorbeugung sexualisierter Gewalt PSVI. Als UN-Sonderbotschafterin besucht sie Überlebende sexualisierter Gewalt in Kenia, im Kongo, im Irak, Syrien. Ihr jüngster Film, Der weite Weg der Hoffnung, erzählt die Geschichte der kambodschanischen Menschenrechtsaktivistin Loung Ung unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Nur über ihr eigenes Land und ihre eigene Branche schwieg Jolie. Dabei, so wird nun klar, hätte es für die Aktivistin allen Grund gegeben, ihren Kampf dort fortzusetzen.

Jolie, Gwyneth Paltrow, Léa Seydoux, Rose McGowan – die Liste berühmter Frauen, die dem Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung oder gar Vergewaltigung vorwerfen, wird von Tag zu Tag länger. Auch die Londoner Polizei ermittelt in drei Fällen gegen den 65-Jährigen. Was gerade an die breite Öffentlichkeit dringt, ist in der amerikanischen Filmbranche seit Jahrzehnten ein offenes Geheimnis. Die New York Times bezeichnet Weinstein gar als "Hollywoods älteste Horrorstory".

Warum trauen sich die betroffenen Frauen erst jetzt, darüber zu sprechen? Die kurze Antwort lautet: Wer auch nur den kleinsten Versuch unternahm, sich gegen Weinstein aufzulehnen, bekam seine Macht zu spüren. Wie der New Yorker berichtet, soll er seine Opfer eingeschüchtert und bedroht haben. Einige Frauen verdächtigen den Produzenten, er habe sie von Projekten ausgeschlossen und Gerüchte gestreut, nachdem sie ihn abgewiesen hatten. Das beschädigte ihre Karriere nicht nur, für einige war das auch das Ende im Filmgeschäft. Auch Journalisten, die die systematischen sexuellen Übergriffe recherchierten, gerieten an Grenzen: Die meisten Opfer wollten, wenn überhaupt, nur anonym an die Presse treten. In mehreren Fällen soll Weinstein außerdem seinen Opfern Geld gezahlt haben, um sie zum Schweigen zu bringen.

Hollywood redet gern über Sexismus – anderswo

Es gibt einen noch entscheidenderen Grund für die lange Stille, und der geht über den Fall Weinstein, sogar weit über die Filmindustrie hinaus: Wenn Täter nicht in Flüchtlingslagern, weit entfernten Entwicklungsländern und neuerdings vor allem in muslimischen Ländern zu finden sind, sondern in westlichen Gesellschaften als Brüder, Ehemänner oder eben Vorgesetzte und Kollegen auftauchen, wird sexualisierte Gewalt kleingeredet. Bis ein Fall vom Kaliber Weinstein ans Licht kommt.

Es ist nicht so, dass man in der glitzernden Hollywoodwelt grundsätzlich über Sexismus und Gewalt schweigen muss. Es geht sogar sehr viel um Frauen- und Mädchenrechte: im globalen Süden. Bei Charity-Veranstaltungen und Spendengalas zeigen sich die Reichen und Schönen, um Geld für Frauen und Mädchen in Afrika und Asien zu sammeln. Ihr Interesse reicht dabei von besserer Schulbildung über Menstruationstassen bis hin zum Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Andere reisen als Botschafterinnen für wohltätige Organisationen um die Welt, posieren mit schwarzen Kindern oder geflüchteten Frauen. Dafür erhalten sie von allen Seiten Anerkennung. Angelina Jolie erhielt an der englischen Eliteuniversität London School of Economics eine Gastprofessur für den Masterstudiengang zu Frauen, Frieden und Sicherheit. In ihrer ersten Vorlesung sprach sie über sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen unter Flüchtlingen.

Dieselben Frauen schaffen es aber nicht, Sexismus in der eigenen Industrie oder auch nur im eigenen Land anzuprangern. Sie würden nämlich kaum durchdringen in einer Kultur, die die Rollen für Täter und Opfer sexualisierter Gewalt bereits verteilt hat und die Taten weit weg von sich selbst verortet. In dieser Kultur fällt es sehr viel leichter, somalische und afghanische Frauen als Opfer zu akzeptieren (und ihre Söhne, Brüder, Männer als Täter). So leicht, dass man ihnen im öffentlichen Bild kaum noch andere Rollen als die der Unterdrückten mit den traurigen Augen zugesteht. Selbstbestimmte Aktivistinnen, brillante Denkerinnen, erfolgreiche Unternehmerinnen, brutale Täterinnen gibt es in diesem Weltbild nur als Ausnahme. Sie gelten pauschal als schwach und hilfsbedürftig, und als Opfer der Lieblingsfeinde des Westens: Autokraten, Islamisten, Terroristen. Kaum einer würde infrage stellen, dass diese Frauen unter einem jeweils landesspezifischen Patriarchat leiden.

In den eigenen Reihen ist die Wahrnehmung anders. Dabei gäbe es in Hollywood genügend eigene Geschichten. Viele davon ziehen sich ebenfalls über Jahrzehnte, sind nicht minder prominent besetzt und auch nicht unter Verschluss. Bis zu ihrem Tod 2011 hatte die Schauspielerin Maria Schneider immer wieder angeprangert, dass Bernardo Bertolucci und Marlon Brando sie für eine Sexszene in Der letzte Tango in Paris (1972) vor der Kamera vergewaltigt hätten. Von Mel Gibson wurde 2010 eine Aufnahme gefunden, auf der er seiner Ex-Freundin drohte, sie zu töten und zu vergewaltigen. Die Meldung kam zwar in die Schlagzeilen, seinem Ansehen hat das aber nicht nachhaltig geschadet. Bei den diesjährigen Oscarverleihungen saß er ganz vorne. Ebenfalls vorne mit dabei: Casey Affleck, der seine Kolleginnen am Set gedemütigt und bedrängt haben soll. Er gewann den Oscar als bester Hauptdarsteller. Und nur wenige Monate vorher wurde ein Reality-TV-Star zum US-Präsidenten gewählt, der in Bezug auf Frauen sagte: "Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles tun. Du kannst machen, was du willst." "Weiße Männer in der Unterhaltungsindustrie können mit allem davonkommen", analysierte auch die Journalistin und Buchautorin Sady Doyle.