Dass das Leben für Muslime in Deutschland schwieriger geworden war, merkte ich, als ich Dina wieder traf. Dina ist Deutsche, sie hat ägyptische Eltern und trägt ein Kopftuch. Sie berichtete, sie werde immer öfter auf der Straße beleidigt. "Dich müsste man ausbürgern", zischten einige Passanten, oder: "Euch sollte man richtig verprügeln." Dina berichtete von Musliminnen, die sich nicht mehr trauten, ein Kopftuch zu tragen. Das erste Mal sah ich Angst in den Augen meiner Freundin.

Das war im Spätherbst 2015. Ich war gerade nach Berlin zurückgekehrt, zuvor hatte ich fast drei Jahre in Kairo gelebt. Über Facebook und Twitter hatte ich mitverfolgt, wie sich in jenem Sommer Tausende von Budapest aus auf den Weg nach Deutschland machten, wie Menschen an den Bahnhöfen in München und Wien mit Plüschtieren die Geflüchteten aus Syrien, Irak, Afghanistan begrüßten. Ich hörte auch, was Menschen bei Pegida-Kundgebungen riefen: "Kein Geburten-Dschihad!" oder "Schafft die Scharia ab!"

Aus der Ferne wirkte das wie eine dumpfe Trotzreaktion Einzelner auf die Hilfsbereitschaft vieler. Nach meiner Rückkehr aber merkte ich: In Deutschland hatte sich etwas verschoben. Wenn ich früher im privaten Kreis von meinen Recherchen im Nahen Osten erzählte, sagten die meisten: "Das ist aber interessant." Heute ist es: "Du Arme. Und das als blonde westliche Frau." Ressentiments waren bis in bürgerliche Milieus hinein sichtbar geworden, gegenüber Flüchtlingen und vor allem gegenüber ihrer Religion.

Jeder meint jetzt zu wissen, wofür "der Islam" steht, vor allem jene, die noch nie in einem muslimisch geprägten Land waren: für Paschas, die ihr mittelalterliches Frauenbild nach Europa importieren und die deutschen Frauen bedrohen. Und für verhuschte, verschleierte Musliminnen, die nichts zu melden hätten. Mit Drohszenarien wie dem, dass "der Araber" Europa "islamisiere", erkämpften sich Demagogen ihren Platz erst auf den Marktplätzen, dann in den Medien und nun auch im Parlament.

Für Menschen, die die vielfältige Realität im Nahen Osten, bei Musliminnen und Muslimen kennen, ist diese Debatte surreal. Und sie macht mich wütend.

Ich schreibe als Journalistin seit einigen Jahren über den Nahen Osten, über den Islam und über Migration und bin in vielen Ländern der arabischen Welt gewesen: in Nordafrika, in der Levante, am Golf. Eine Motivation, mich mit dieser Region und Religion zu befassen, ist, dass ich versuchen will, die vielen Vorurteile durch Aufklärung abzubauen. Dass "im Islam" die Frauen unterdrückt werden, dass "der Koran" Schuld sei an Terror und Gewalt, dass der Mittlere Osten rückständig und antidemokratisch sei: Das sind die Überzeugungen vieler Kommentatoren in Deutschland. Zum Teil stimmen sie; zum Teil sind sie grundfalsch. Natürlich gibt es im Nahen Osten auch Missstände, doch sind die Gründe dafür je nach Land und Kultur sehr verschieden. 

Technopartys und Feminismus

Ich kenne die Schwierigkeiten, die es in einigen arabischen Ländern gibt. In Ägypten habe ich erlebt, wie es ist, wenn Religion und Staat nicht getrennt sind, Presse- und Meinungsfreiheit nicht existieren, die Opposition ausgeschaltet wird. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die Straßenseite wechselt, um den herablassenden Kommentaren männlicher Passanten zu entgehen. Wie es ist, wenn 30 Männer mit Stöcken in der Hand hinter einem herrennen, weil sie glauben, dass man eine Spionin sei. Aber ich habe auch erlebt, wie Ägypterinnen Demonstrationen für Frauenrechte anführen, Männer gegen Genitalverstümmelung kämpfen, wie sich schwule Aktivisten organisieren. Die jungen Ägypter, Syrer, Tunesier, die Technopartys feiern, die Feministinnen, die sich von den Dogmen der Eltern lossagen, die liebevollen Familienväter, die Gastfreundschaft.      

Auch gibt es große geografische Unterschiede: Für Frauen etwa ist das Leben im konservativen und wahhabitisch geprägten Saudi-Arabien sehr viel eingeschränkter als in Tunesien, wo Frauen selbstverständlich studieren und arbeiten. Zudem haben viele Konflikte in der arabischen Welt eher mit Politik und Machtinteressen zu tun, als mit Religion

Die Lebensweisen der Muslime im Nahen Osten (nicht alle Araber sind Muslime, es gibt auch arabische Juden, Christen, Atheisten) sind nicht weniger vielfältig als die der Muslime in Deutschland und Europa. Einige Muslime sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, andere sind vor Krieg und Terror hierher geflohen, wieder andere sind etwa als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen. Es gibt den liberalen, Alkohol trinkenden syrischen Filmemacher ebenso wie die konservative libanesische Großfamilie. Es gibt Muslime, die sich streng an die Gebote des Koran halten, und andere, die den Koran noch nie gelesen haben. Sie alle verstehen ihre Religion auf unterschiedliche Weise. Doch in Deutschland wird es immer schwieriger, differenziert über die vielen Facetten des Islam, die Abgrenzung zu Islamismus und Dschihadismus zu diskutieren. Der Ton ist schriller geworden, die Debatten sind vergiftet.

Der Diskurs über die arabische Welt hat sich sukzessive verschärft – und so auch das Bild der Muslime in Deutschland negativ geprägt.