In Kanada sollen Nachfahren der Ureinwohner, die zur Zwangsadaption in weiße Familien freigegeben wurden, entschädigt werden. Laut Carolyn Bennett, der Ministerin für indigene Angelegenheiten, sollen sie umgerechnet rund 544 Millionen Euro erhalten. Betroffen sind Medienberichten zufolge geschätzt 20.000 Menschen, die auf diesem Weg vor allem in den 1960er bis in die 1980er Jahre zu einem Leben in vorwiegend nicht-indigenen Mittelklassefamilien in den USA und Kanada gezwungen wurden.

Die mit dem  Indian Act von 1951 ermöglichte Praxis ist in Kanada als "Sixties Scoop" bekannt. Scoop up bedeutet "einsammeln" oder "auflesen". Die Einigung im Zusammenhang mit landesweit 18 Klagen sei ein wichtiger Schritt, um ein "dunkles und schmerzhaftes Kapitel in der Geschichte Kanadas" aufzuarbeiten, sagte Bennett. Die Regierung in Ottawa hatte über Monate mit den Klägern verhandelt. Die verkündete Grundsatzeinigung soll bis Ende des Jahres ausgehandelt und im Frühjahr 2018 auch gerichtlich abgesegnet werden.

Eine an den Verhandlungen mit der Regierung beteiligte Betroffene, Marcia Brown Martel vom Indigenen Völkerverband First Nations, sagte, die jetzt erzielte Einigung wecke "große Hoffnung". Zu wünschen sei, dass so etwas nie wieder in Kanada geschehen werden.

Jahrelanger Rechtsstreit

Vorausgegangen war der Einigung ein achtjähriger Rechtsstreit. Die kanadische Regierung wurde darin im Februar für schuldig befunden, den psychologischen Schaden der Betroffenen und ihren Verlust kultureller Identität mit verursacht zu haben. Von den insgesamt 800 Millionen kanadischen Dollar für Entschädigungszahlungen sollen Berichten zufolge 50 Millionen an eine Stiftung zur Aussöhnung zwischen der Regierung und den betroffenen indigenen Völkern gehen.

Ein anderes Kapitel betrifft die zwangsweise Einschulung von Kindern kanadischer Ureinwohner in Heimen, die auf Anordnung der Regierung von christlichen Kirchen betrieben wurden. Seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre waren davon mehr als 150.000 Kinder betroffen. Etwa 80.000 von ihnen leben noch. Viele erlitten Misshandlungen und sexuellen Missbrauch.

Ottawa entschuldigte sich 2008 offiziell für die Umerziehung der indigenen Völker, die völlig isoliert von ihren Familien, ihren Gemeinden und ihrer Kultur aufwuchsen. Der seit Ende 2015 amtierende Premierminister Justin Trudeau lud Papst Franziskus im Mai ein, nach Kanada zu kommen und sich im Namen der katholischen Kirche bei den indigenen Völkern zu entschuldigen.