In der libyschen Hafenstadt Sabrata sind Tausende Migranten in Lagern entdeckt worden. Mehr als 4.000 Menschen seien an verschiedenen Stellen in der Küstenstadt Sabrata westlich von Tripolis eingepfercht gewesen, unter ihnen Schwangere und Kinder, sagte Saleh Graisia, der Sprecher der gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" kämpfenden Truppe Operation Room. Er warf der Al-Ammu-Miliz vor, die Migranten festgehalten zu haben, um sie später über das Mittelmeer zu schleusen.

Das Pikante daran: Die Al-Ammu-Miliz will den Menschenschmuggel eigentlich bekämpfen. Das hat sie zumindest im Sommer mit der italienischen Regierung vereinbart. Die italienische Regierung schloss ein Abkommen mit zwei einflussreichen Milizen an der libyschen Küste, der Al-Ammu-Miliz und der Brigade 48. Sie erhielten Geld und logistische Unterstützung. Die Al-Ammu-Miliz, die nach eigenen Angaben aus 500 bis 600 Kämpfern besteht, versprach im Gegenzug dafür zu sorgen, dass keine Boote mit Migranten mehr von der Küste ablegten – ein höchst umstrittener Deal, der Menschenschmuggler zu Küstenwächtern machte.

Angeführt wird die Al-Ammu-Miliz von Ahmed Dabbashi, der unter dem Namen "Al Ammu" (der Onkel) bekannt ist. Der 35- oder 36-jährige Mann aus Sabratha kämpfte im Jahr 2011 gegen die Truppen von Muammar al-Gaddafi. In der Folge stieg er, mit der Aura eines Kriegshelden geadelt, zu einem der führenden Menschenschmuggler auf. Seine Miliz, in Anspielung auf einen verstorbenen Cousin Ahmed Dabbashis auch unter dem Namen Anas-Dabbashi-Miliz bekannt, schmuggelte zudem Öl.

Zur Großfamilie Dabbashi gehören, wie die taz berichtet, prominente Persönlichkeiten wie der ehemalige UN-Botschafter Libyens und ein früherer lokaler IS-Anführer, Abdallah Dabbashi. Fünf Kilometer südlich von Sabrata entfernt unterhielt er ein Camp, in dem IS-Kämpfer für den Kampf trainiert wurden. Anfang 2015 wurde das Camp von US-Luftwaffe bombardiert. Im Frühjahr 2016 starb Abdallah Dabbashi bei einem Angriff. Ahmed Dabbashi hatte sich anfangs offenbar mit dem IS arrangiert und möglicherweise sogar finanziell von dessen Aufstieg profitiert. Später aber, als der IS in die Defensive gelangte, schloss er sich einer Koalition gegen die Dschihadistenmiliz an.

Ein ständiges Druckmittel gegen Italien

In der Folge der im Juli geschlossenen Vereinbarung ist die Anzahl der Migranten, die von Libyen in Richtung Europa übersetzen, zwar um 86 Prozent gesunken, wie die Times berichtet. Der Deal weckte aber auch neue Begehrlichkeiten und heizte die Kämpfe zwischen rivalisierenden Warlords in Libyen an, wie den in der Stadt Sabrata. Sabrata liegt nur 300 Kilometer von Lampedusa entfernt. Die Stadt, die für ihre römischen und phönizischen Ruinen bekannt ist, ist das Zentrum der Überfahrten nach Europa.

Der Konflikt begann Mitte September, als Mitglieder der Al-Ammu-Miliz mit Schmugglern aneinander gerieten. Hunderte Migranten waren in der Stadt gestrandet, nachdem die Al-Ammu-Miliz nicht mehr im Schleusergeschäft tätig war. So berichtet es Tahar al-Gharabili, der Leiter des Militärrats in Sabrata. Am 17. September brachen Kämpfe aus. Mindestens 93 Menschen sind in Sabrata seitdem gestorben, unter ihnen mindestens acht Zivilisten. Mindestens 180 Menschen wurden verletzt. Damit sind die Kämpfe in der Stadt sogar heftiger als die während des Umsturzes im Jahr 2011. 

Kriminelle wie Dabbashi haben mit dem Abkommen ein ständiges Druckmittel gegen die italienische Regierung in der Hand: Sollte der Geldstrom versiegen, werde er Migranten losschicken, hatte Dabbashi bereits Anfang September angedroht. Die nun entdeckten Lager, in denen Menschen in unwürdigen Zuständen festgehalten wurden, sind Teil dieses perfiden Spiels.  

Mit Material von dpa