Wenn der Bundesinnenminister Thomas de Maizière laut darüber nachdenkt, in Teilen Deutschlands muslimische Feiertage einzuführen, dann mag das ein ungewöhnlicher Versuch sein, im niedersächsischen Wahlkampf ein paar Stimmen von Muslimen zu sichern. In Zeiten, in denen Menschen einander für das Anderssein hassen und Islamophobie zunimmt, wären inklusive Feiertage aber ein starkes Zeichen für eine Gesellschaft, die sich in ihren Traditionen unterscheiden mag, aber einander mit mehr Offenheit und Respekt begegnen will. Und sie wären ein Zeichen gegen jene, die dieses Miteinander nicht aushalten. Es ist schließlich kein Zufall, dass der selbst ernannte "Islamische Staat" seine Anhänger regelmäßig aufruft, den Ramadan für Attentate zu nutzen – und Dschihadisten weltweit dem Aufruf folgten. Terroristen liegt nichts an Gemeinsamkeiten. Sie wollen mit allen Mitteln spalten.

Vor diesem Hintergrund wäre es eine verschenkte Gelegenheit, große vereinende Feste wie bisher still und leise zu feiern. Feiertage sind in allen Weltregionen, in allen Kulturen und Religionen Tage des Zusammenseins und der Besinnung. Sie sind Tage voller Liebe und Wärme. Sie verbinden nicht nur Vergangenheit und Zukunft durch wiederkehrende Rituale und Geschichten, sondern auch die Menschen der Gegenwart. An Weihnachten sitzen selbst verhasste Familienmitglieder zusammen am Tisch, Fremde schauen sich in die Augen und grüßen einander.

Familienfeste sind intensivste Kindheitserinnerungen

Als Kind zog ich als Heilige Lucia von Syrakus mit brennenden Kerzen auf dem Kopf durch Altersheime. Die Alten kannten mich nicht, dennoch weinten sie vor Glück. Später brach ich mit Muslimen das Fasten, wir aßen und lachten gemeinsam über die Welt, oder ich besang mit Juden den Schabbat, den siebten Tag der Woche. Mit Anbruch der Dämmerung reichten wir selbst gebackenes Brot im Kreis und fühlten uns ganz ruhig und friedlich. All dies hat mich als Atheistin anders, verständnisvoller und wohlwollender auf meine religiösen Mitmenschen blicken lassen.

Überhaupt gehören Familienfeste zu meinen intensivsten Kindheitserinnerungen. Da wäre zum Beispiel Tết, das vietnamesische Neujahrsfest. Jedes Frühjahr, wenn die ersten gelben Forsythienblüten unter dem Schnee hervorlugen, blühen bei uns im Wohnzimmer rosa Pfirsichblüten. Daneben steht ein Kumquat-Bäumchen voller Früchte und kleiner roter Umschläge mit Geld, und der schwere Duft von verbranntem Sandelholz zieht sich durch alle Räume. Auf dem Tisch steht ein Bánh chưng: kunstvoll in dunkelgrüne Blätter gewickelter Klebreis mit Fleisch und Mungbohnen. Zwölf Stunden gekocht, darauf besteht mein Vater, der die Zubereitung wiederum von seinem Vater lernte, und so weiter.

Es ist einer der glücklichsten Tage im Jahr – nur kann ich die Freude nie mit meinen deutschen Freunden teilen. Niemand wünscht mir ein frohes Neues, und wenn ich es tue, kommt allenfalls ein irritierter Blick zurück: Hä? Aber wäre es nicht schön, wenn nicht nur Christen glückliche Tage teilen könnten? Wenn es nicht nur zusätzlich muslimische Feiertage gäbe, sondern auch andere Minderheiten mit ihren Bräuchen einen festen Platz bekämen? Deutschland 2017 besteht aus mehr als nur Christen, und gemeinsame Feiertage wären ein guter Anlass, die Menschen daran zu erinnern und Vielfalt positiv zu besetzen.

Sonntag bleibt Sonntag, Weihnachten Weihnachten

Führende Unionspolitiker sehen das anders. Sie kritisieren de Maizière für seinen Vorschlag. Es sei eine Sache, Bräuchen nachzugehen, und eine andere, sie unter gesetzlichen Schutz zu stellen, sagte etwa CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach.

Das stimmt. Das Weihnachtsfest wäre ein anderes, würde es nicht unter gesetzlichem Schutz stehen. Familienmitglieder könnten einander nicht besuchen und ungestört beisammen sein. Zusammensein und gegenseitige Wertschätzung brauchen nun einmal Zeit und Raum. Die freie Arbeitswelt wirft beide Güter nicht ohne Weiteres ab. Und dass die Wirtschaft nicht zwingend unter Feiertagen leiden muss, zeigt nicht zuletzt Bayern, das Bundesland mit den meisten Feiertagen. Mehr Feiertage wären also möglich.

Viel fundamentaler ist aber die Kritik, die von der katholischen Kirche Niedersachsens und der bayerischen CSU kommt. Das christliche Erbe sei nicht verhandelbar, sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Dabei will doch niemand das christliche Erbe verhandeln. Niemand forderte, für neue Feiertage die alten Feiertage zu streichen. Genau das suggerieren derartige Kommentare aber. Sie stellen Traditionen gegeneinander, obwohl sie sich nicht ausschließen würden.

Nicht-christliche Feiertage würden das christliche Erbe nicht in Frage stellen. Sonntag würde Sonntag bleiben, die Kirchtürme würden stehen bleiben, Eltern würden ihren Kindern weiterhin biblische Namen geben. Neue Feiertage würden einem urchristlichen Gedanken vielmehr neues Leben geben: der Nächstenliebe.