Sebastian Kurz, womöglich bald Bundeskanzler Österreichs, hat als sogenanntes Jungtalent in der Politik das Problem, dass er seine Jugendsünden verteidigen muss, ohne sagen zu können: Da war ich ja noch jung!

2010 zum Beispiel. Da sagte der damals schon glattpomadierte 24-Jährige vor einer Kamera: "Der Wahlkampf wird geil werden, weil jeder weiß: Schwarz macht geile Politik. Schwarz macht geile Partys und Schwarz macht Wien geil." Aus dem "Geil-o-Mobil" lehnend, einem Humvee, ließ sich Kurz von leicht bekleideten Girls abfeiern. Die Kampagne war ein Flop. Sebastian Kurz war "eine Verarschung" (Der Standard), ein "Dampfplauderer" (DIE ZEIT). Damals.

Aus heutiger Sicht muss man eingestehen: Wird schon richtig gewesen sein, was er da tat. Wenig später wurde er Integrationsstaatssekretär, dann Außenminister. Nun wird er, sehr wahrscheinlich, Bundeskanzler.

Kurz ist damit Teil einer illustren Reihe junger Männer, die westliche Gesellschaften jüngst für sich eingenommen haben. Egal ob von Mitte-links wie Justin Trudeau, Mitte-rechts wie Christian Lindner und Emmanuel Macron oder rechts außen wie Sebastian Kurz. Nach Jahren von Angela Merkels muffiger Regierungsdecke, François Hollandes Onkelhaftigkeit, Guido Westerwelles Clowntümelei, nach Stephen Harpers konservativem Würgegriff und der unendlichen Geschichte österreichischer Großkoalitionen scheint der Wunsch nach jungen, unbelasteten Anpackern groß zu sein.

Dass die Geschichte vom Anpacker, vom Underdog, vom Andersmacher funktioniert, ist seit der Wahl von Macron, spätestens aber seit der Wahl in Österreich offensichtlich. Dabei ist diese Erzählung nicht mehr als eine Fassade, die das Eigentliche verdeckt. Aber das ist sicher gewollt – und auch nicht unbedingt schlecht. Ähnlich wie bei Kurz' Geil-o-Mobil darf man mit Blick auf den Erfolg davon ausgehen: Wird schon richtig sein so.

Alles anders?

Denn hinter dem Image der neuen Andersmacher wird schnell klar: Sie machen Politik weder neu noch anders. Macron ist Eliteabsolvent, Kurz Ex-Vorsitzender der Jungkonservativen, Lindner war schon bei den Jungliberalen Chef, und Trudeau ist der Sohn eines Premierministers – die volle Packung Establishment. Diese Männer sprechen zwar vom Aufbruch, aber sie stehen für alles andere als einen kompletten Bruch mit dem Alten. Sie halten an tradierten Grundregeln fest, betonen die Wichtigkeit der Institutionen. Sie schüren einerseits Misstrauen gegenüber der politischen Klasse, als wären sie kein Teil davon, umschwärmen aber gleichzeitig den politischen Verwaltungsapparat. Eine Art sanfter Technokratismus umweht sie. Allesamt sind sie wirtschaftlich liberal, gesellschaftspolitisch progressiv, mit Ausnahme der Migrationspolitik, in der sie gemäßigt bis rechts auftreten. Alle sind sie im Grunde dezidiert proeuropäisch.

Wobei sie sich programmatisch kaum festnageln lassen. Kurz bewegt sich mit Leichtigkeit zwischen "Der Islam gehört zu Österreich" und Internierungslagern für Flüchtlinge auf Mittelmeerinseln; Lindner ist mal für Klimaschutz, mal dagegen, mal für Russlandsanktionen, mal dagegen. Im Wahlkampf nannten französische Medien Macron den Kandidaten des ni-ni und des en même temps – des "weder noch" und des "gleichzeitig". So wie in: Gleichzeitig dagegen und dafür, aber weder noch! Und Trudeau hat Kanadas Teersandfelder zur größten Umweltsünde der westlichen Welt gemacht, während er mit dem Finger auf Donald Trump zeigt, wegen dessen Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen.

Und trotzdem, oder gerade deshalb, funktioniert die Erzählung. So gut sogar, dass die Wähler diesen jungen Politikern einen riesigen Vertrauensvorschuss geben und ihnen sehr viel durchgehen lassen. Sie wollen in ihnen den Gegenentwurf zur zerbröselnden Volksparteienmitte sehen, wo sich gefühlt noch der inkompetenteste Loyalist zum Minister hochdienen kann. Sie wählen lieber Bewegungen als Parteien. Aufbruch zieht mehr als Stabilität, obwohl auch das problemlos über den vagen Programmen stehen könnte.