Der Reformator Martin Luther ist der Begründer des Protestantismus – doch auch Atheisten, Katholiken, Juden, Muslime und alle anderen Menschen in Deutschland haben mehr mit ihm zu tun, als sie vielleicht denken. Und zwar deshalb:

Spaltung

Deutschland ist nicht nur noch immer geteilt in Ost und West, sondern auch gespalten in evangelisch und katholisch. Im Alltag wirken die Konfessionskriege des 17. Jahrhunderts noch immer fort: Benachbarte Dörfer und Städte pflegen bis heute folkloristische Feindschaften, weil ihre Vorfahren vor Jahrhunderten den Reformatoren gefolgt oder aber Rom treu geblieben sind. Hildesheim: katholisch, Hannover: evangelisch. In Bayern und Baden-Württemberg ist Allerheiligen ein Feiertag, in Thüringen und Sachsen der Reformationstag. Und während die Kölner Katholiken Karneval feiern, sind die Protestanten in Hamburg auch am Rosenmontag fleißig bei der Arbeit.

Sprache

Die Lutherbibel steht oft verstaubt im Regal, wenn überhaupt, die Sprachgewalt des Reformators aber ist im Deutschen allgegenwärtig. "Hochmut kommt vor dem Fall" (Sprüche 16,18), "Wer anderen eine Grube gräbt" (Sprüche 26,27) – etliche Sprichwörter hat Luther mit seiner Bibelübersetzung geprägt. Begriffe wie "Lockvogel" und "Lückenbüßer" gehen auf ihn zurück. Aus Luthers Sicht sollten zudem alle Menschen Lesen und Schreiben lernen. Dank der Reformatoren kam es zu etlichen Schulgründungen. Wer Bildungsgerechtigkeit fordert, kann sich auf Luther berufen. 

Emanzipation

Luther hat Katharina von Bora, seine Ehefrau, aus dem Kloster geholt und an den Herd verbannt. Er war ganz sicher kein Feminist. Margot Käßmann hat ihn in einem Interview sogar als Macho bezeichnet. Dennoch löste er (oder vielmehr die Frauen, die sich ihm angeschlossen haben) in den Kirchen eine Emanzipationsbewegung aus. Luther forderte Bildung für Mädchen. Danach sollte es zwar noch fast 500 Jahre dauern, bis Frauen in der evangelischen Kirche in alle Ämter gewählt werden durften, die Begründung dafür aber hat schon Martin Luther geliefert: Durch die Taufe sind alle Priester, Bischof, Papst. 

Hass

Luther hat Juden gehasst. Ihn dafür zu hassen, wäre eine Möglichkeit. Sich mit den Wurzeln des Antisemitismus unserer Zeit zu beschäftigen aber hilft, ihn zu überwinden. Zuallererst gilt das natürlich für Christinnen und Christen, die Luthers Antisemitismus bis heute unreflektiert reproduzieren. Eigentlich aber gilt es auch für Muslime, Atheisten und alle anderen Menschen, deren Bildung ja ebenso von Ressentiments durchdrungen ist. Wer Luthers Judenhass ignoriert, überlässt ihn den Hetzern, etwa der NPD, die ihn in diesem Jahr auf ihre Wahlplakate gedruckt hat. Luthers Hetzschrift Von den Juden und ihren Lügen gibt es inzwischen übrigens in einer neu bearbeiteten und kommentierten Fassung.

Medien

Der Buchdruck war eine Medienrevolution und Luther wusste sie zu nutzen. Ohne Johannes Gutenbergs Erfindung der beweglichen Drucklettern wäre der Reformator wohl nur einigen Spezialisten für frühneuhochdeutsche Theologie im mitteldeutschen Raum bekannt. Der Reformator sah die Chancen, verstand die neuen Medien – und bediente sich ihrer (dass dank Gutenberg auch Ablassbriefe tausendfach gedruckt werden konnten, ist ein selten erzählter Treppenwitz der Geschichte). Und Doktor Martinus war vielleicht die erste öffentliche Person. Seine Studenten protokollierten sein ganzes Leben. Selbst wenn er seinen Kindern gute Nacht sagte, schrieben sie noch mit.

Gnade

Mit Geld kannst du dich nicht freikaufen, so lassen sich Luthers 95 Thesen in einem Satz zusammenraffen. Diese Erkenntnis – so trivial sie uns heute erscheinen mag – hat die Reformation ausgelöst. Für die Herrschenden war diese Kritik an ihrer Autorität Grund genug, Europa in Schutt und Asche zu legen und Millionen Menschenleben zu opfern. Bis hierhin können selbst die meisten Atheisten wohl mitgehen, doch bei der zentralen Botschaft der Reformation dürfte für sie dann doch Schluss sein: Denn allein das Vertrauen darauf, dass Gott nicht käuflich ist, sondern gnädig, macht laut Luther "gewiss und froh". Aber selbst die Gnade hat sich bis heute im pluralen Rechtsstaat als Prinzip erhalten: In Einzelfällen kann der Bundespräsident Menschen von ihrer Schuld vorzeitig freisprechen.