Altena - Messerangriff wohl aus Fremdenfeindlichkeit Ermittler vermuten ein fremdenfeindliches Motiv hinter dem Messerangriff auf den Altenaer Bürgermeister. Andreas Hollstein ist für seine flüchtlingsfreundliche Politik bekannt. © Foto: Oliver Berg/dpa

Der mit einem Messer angegriffene Bürgermeister der sauerländischen Stadt Altena, Andreas Hollstein (CDU), hat seinen Helfern gedankt. "Ja, ich habe um mein Leben gefürchtet", sagte der 54-Jährige auf einer Pressekonferenz im Rathaus von Altena. "Ich bin mir sicher, dass ich es nicht mehr hätte, wenn ich keine Hilfe bekommen hätte." Stattdessen habe er großes Glück gehabt, dass die beiden Imbissladenbesitzer – Vater und Sohn – ihm zur Hilfe gekommen seien. Hollstein erlitt eine 15 Millimeter lange Schnittwunde am Hals, der ältere Ladenbesitzer wurde leicht verletzt.

Der Angriff ereignete sich in einem Imbiss nur wenige Meter von der Polizeiwache in Altena entfernt. Wie Hollstein selbst berichtete, habe ihn der Mann zunächst fixiert. Dann habe er erst gefragt: "Sind Sie der Bürgermeister?", und gesagt: "Sie lassen mich verdursten und holen 200 Flüchtlinge nach Altena." Schließlich habe ihm der Mann ein Messer an den Hals gehalten, das er selbst weggedrückt habe. Mithilfe der beiden Imbissbesitzer sei der Täter dann bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten worden. 

Bei dem Täter handelt es sich nach Angaben der Ermittler um einem 56-jährigen Mann, der Hollstein aus "mutmaßlich fremdenfeindlicher Motivation" heraus angegriffen hat. Die zuständige Staatsanwaltschaft Hagen wirft dem Täter versuchten Mord vor. Er habe in Tötungsabsicht und aus niederen Beweggründen gehandelt, sagte Behördensprecher Gerhard Pauli. Dem Leiter des Polizeilichen Staatsschutzes, Andre Dobersch, zufolge, sei Hollstein Opfer geworden, weil er durch besonderes Engagement durch Aufnahme von Flüchtlingen in Erscheinung getreten sei. Der Bürgermeister berichtete, dass er – wie auch andere Kommunalpolitiker – "immer wieder Hass und Bedrohungsszenarien erlebt" und "von Hass durchtränkte anonyme Mails" bekommen habe. Auch am Tag nach dem Messerattentat gebe es Mails von Absendern, "die die Tat für richtig halten". Hollstein sagte, seine Ehefrau habe ihn in den vergangenen beiden Jahren wiederholt vor einem solchen "Szenario" gewarnt.

"Mit Polizeischutz kann ich nicht arbeiten"

Hollstein war durch sein Engagement in der Flüchtlingskrise bundesweit bekannt geworden. Mit ihm an der Spitze startete die 18.000 Einwohner zählende Stadt ihr Integrationskonzept "Vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger", für das sie im Mai mit dem nationalen Integrationspreis ausgezeichnet wurde. Teil des Konzepts war, dass Flüchtlinge in Wohnungen statt in Sammelunterkünften untergebracht werden. Zudem hatte er ankündigt, seine Stadt werde mehr Flüchtlinge aufnehmen, als es die sauerländische Gemeinde gemäß dem vorgeschriebenen Verteilerschlüssel hätte tun müssen. Damit soll unter anderem auch der starke Bevölkerungsschwund gestoppt werden.

Der CDU-Politiker kündigte an, sich auch weiterhin für die Bürger seiner Stadt und für Flüchtlinge einzusetzen. "Ich weiß, wofür ich's mache, und ich mach's auch weiter", sagte Hollstein vor den Journalisten in Altena. Solche Drohungen müsste man im politischen Geschäft inzwischen wohl einkalkulieren. Dies zeigten ihm auch die zahlreichen Mails, die er von Kollegen bekommen habe. "Genau deshalb werde ich aber weitermachen und mich weiter für Menschen einsetzen." Auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen will er dabei verzichten. "Mit Polizeischutz kann ich meinen Job nicht machen."

Kanzlerin zeigt sich entsetzt

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Hollstein nach eigenen Angaben auch persönlich kontaktiert hatte, äußerte sich bestürzt: "Ich bin entsetzt über den Messerangriff auf Bürgermeister Andreas Hollstein – und sehr erleichtert, dass er schon wieder bei seiner Familie sein kann", twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert im Namen der Kanzlerin. "Dank auch an die, die ihm geholfen haben." Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet zeigte sich erschüttert. "Es war heute ein bedrückender Abend", sagte der CDU-Politiker. Es sei gut, dass der Täter dingfest gemacht wurde. "In Nordrhein-Westfalen ist kein Platz für Hass und Gewalt."

In der vergangenen Woche wollte ursprünglich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Antrittsbesuch in Nordrhein-Westfalen auch nach Altena kommen – und sich dort mit Flüchtlingsfamilien treffen. Diese Reise musste er wegen den geplatzten Jamaika-Verhandlungen absagen.

Die Messerattacke in Altena erinnert an das Attentat auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). Die damalige Kandidatin war am 17. Oktober 2015 im Wahlkampf wegen ihrer liberalen Flüchtlingspolitik von einen Messerstecher angegriffen und lebensgefährlich verletzt worden. Der Täter wurde im Juli 2016 zu 14 Jahren Haft verurteilt.