Der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte Asylbewerber Oury Jalloh wurde wahrscheinlich getötet. Das geht aus Ermittlungsakten zu dem Fall hervor, die dem ARD-Magazin Monitor vorliegen. Demnach kommen mehrere Sachverständige aus den Bereichen Brandschutz, Medizin und Chemie zu dem Schluss, dass ein Tod durch Fremdeinwirkung wahrscheinlicher sei als ein Suizid.

Die Experten hatten in ihren Stellungnahmen angeführt, dass sich der Zustand der Zelle und des Leichnams Jallohs nach dem Brand nicht ohne Einsatz geringer Mengen von Brandbeschleuniger wie etwa Leichtbenzin erklären lasse. Auch sonst deute vieles darauf hin, dass der Brand von dritter Hand gelegt worden sei. Zudem könne die Theorie der Selbstanzündung so gut wie ausgeschlossen werden: Oury Jalloh sei vermutlich bei Brandbeginn komplett handlungsunfähig oder sogar bereits tot gewesen. Die Annahme, er habe das Feuer selbst gelegt, sei nicht stichhaltig.

Im Januar 2005 war Jalloh in Dessau wegen angeblicher Belästigung zweier Frauen festgenommen worden. Wenige Stunden nach seiner Verhaftung verbrannte der Sierra Leoner in seiner Zelle. Polizei und Staatsanwaltschaft kamen damals zu dem Ergebnis, dass er den Brand selbst gelegt hatte, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Ermittlungen vertraten lange Zeit die These, dass er die Matratze, auf der er gefesselt gelegen hatte, aufgerissen und die Füllung angezündet habe.

Anwältin nennt drohende Einstellung "Skandal"

Laut Monitor geht jedoch mittlerweile auch der langjährige Ermittler der Staatsanwaltschaft Dessau, Folker Bittmann, von einem begründeten Mordverdacht aus. Der Oberstaatsanwalt galt bisher als Verfechter der Selbsttötungstheorie. In einem Schreiben aus dem April gesteht der Oberstaatsanwalt, dass er es für wahrscheinlich halte, dass Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig gewesen und mit Brandbeschleuniger angezündet worden sei. In dem Schreiben soll Bittmann sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizei nennen.

"Angesichts der neuen Erkenntnisse ist die drohende Einstellung des Verfahrens ein Skandal", teilte die Anwältin der Familie Jalloh, Gabriele Heinecke, mit. Heinecke und andere Anwälte hatten im September 2015 sechs Gründe vorgetragen, warum Oury Jalloh nicht selbst Feuer gelegt haben konnte.

So bezweifeln sie unter Berufung auf mehrere Fachgutachten, dass Jalloh in der Zelle ein eigenes Feuerzeug hatte. Sie vermuten, dass dieses nachträglich in die Zelle gebracht wurde. Auch konnten darauf weder DNA-Spuren noch Gewebereste von Jallohs Kleidung oder der Matratze nachgewiesen werden. Stattdessen fanden Ermittler des Landeskriminalamts Stuttgart auf dem Feuerzeug fremde Polyesterfasern und Tierhaare sowie die DNA einer unbekannten Person.

Strafanzeige gegen Staatsanwaltschaft Halle?

Wenige Monate später, im Frühjahr 2017, hatte sich die Staatsanwaltschaft Dessau mit den neuen Erkenntnissen im April an den Generalbundesanwalt gewandt. Dieser hatte die Annahme des Falles jedoch abgelehnt und ihn nach Sachsen-Anhalt zurück verwiesen.

Im Oktober wollte die Staatsanwaltschaft Halle die Ermittlungen in dem Fall einstellen. Angeblich hätte es "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung" gegeben. Eine weitere Aufklärung sei nicht zu erwarten. Heinecke hatte gegen die Einstellung Beschwerde eingelegt und wird angesichts der neuen Erkenntnisse voraussichtlich Strafanzeige erstatten.

"Es mag sein, dass nun die Akten in der Öffentlichkeit kursieren und dass jemand aufgrund dieser Akten zu einem anderen Ergebnis kommt", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Halle der Süddeutschen Zeitung. Anhand der Gutachten habe sich nicht endgültig ausschließen lassen, dass Jalloh sich selbst in Brand gesetzt haben könnte; die rechtsmedizinischen Gutachten gingen davon aus, dass Jalloh bei Brandausbruch noch gelebt haben muss und seine Handlungsfähigkeit nicht ausgeschlossen werden könne. Es sei nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft, die konkrete Todesursache abschließend zu klären, "sondern nur dem Anfangsverdacht einer Straftat nachzugehen, sofern ein solcher besteht", so die Sprecherin.

Die Linke fordert externen Sonderermittler

Bereits bei einer Anhörung des Rechtsausschusses im Magdeburger Landtag vergangene Woche war bekannt geworden, dass die ehemaligen Ermittler aus Dessau den Fall Jalloh mittlerweile neu bewerten. Eine daraufhin von den Linken geforderte Akteneinsicht kam nicht zustande: Die Regierungskoalition aus CDU, SPD und Grünen im Magdeburger Landtag lehnte das ab.

Die innenpolitische Sprecherin der Linken im Landtag von Sachsen-Anhalt, Henriette Quade, sprach von "politischer Blockadehaltung" und wiederholte ihre Forderung nach einem  Sonderermittler wie etwa im Fall des NSU. "Er sollte von außerhalb von Sachsen-Anhalt kommen", sagte sie, "denn in Magdeburg ist von Seiten des Justizministeriums kein Aufklärungswille zu erkennen."