Worum geht es in dem Beschluss?

In Zukunft soll es einen dritten Geschlechtseintrag im Geburtenregister geben: Neben dem männlichen und weiblichen Geschlecht soll es intersexuellen Menschen möglich sein, ihre geschlechtliche Identität "positiv" eintragen zu lassen, urteilten die Bundesverfassungsrichter (Aktenzeichen: 1 BvR 2019/16). Denn Menschen, die mit einem uneindeutigen Geschlecht geboren wurden, dürften nicht dazu gezwungen werden, sich entweder dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen zu müssen. Das verstoße gegen das Personenstandsgesetz und somit auch gegen die Persönlichkeitsrechte. Zudem nehme die geschlechtliche Identität für alle Menschen eine Schlüsselposition in der Selbst- und Fremdwahrnehmung ein, argumentieren die Richter. 

Warum wurde entschieden?

Geklagt hatte eine intersexuelle Person, die als Kind dem weiblichen Geschlecht zugeordnet worden war. Sie hatte einen Antrag auf Änderung der Geschlechtsangabe im Geburtenregister gestellt, wonach das Geschlecht in "inter" oder "divers" geändert werden sollte.

Nachdem der Antrag abgelehnt wurde, klagte die Person. Im Verfahren legte sie eine Chromosenanalyse vor, wonach sie weder eindeutig männlich noch weiblich ist, sondern nur ein X-Chromosom trägt. Dennoch scheiterte die Klage in bisher allen Instanzen, zuletzt vor dem Bundesgerichtshof. Die nun eingelegte Verfassungsbeschwerde war dagegen erfolgreich.

Was folgt aus der Entscheidung?

Die Karlsruher Richter haben den Gesetzgeber aufgefordert, bis Ende 2018 eine Neuregelung zu schaffen, in die als drittes Geschlecht neben "männlich" und "weiblich" noch etwa "inter", "divers" oder eine andere "positive Bezeichnung des Geschlechts" aufgenommen wird.

Das Besondere an dem Urteil ist: Schon 2013 wurde zwar das Personenstandgesetz geändert. Es sah in der Novellierung aber nur vor, dass bei mangelnder Eindeutigkeit der Eintrag für das Geschlecht einfach leer bleiben sollte. Das hat aber eine erhebliche Benachteiligung für die Betroffenen zur Folge: Denn in vielen Dokumenten muss das Geschlecht angegeben werden. Fehlt es beispielsweise im Personalausweis oder Reisepass, kann es zu Problemen bei der Einreise ins Ausland führen. Der Beschluss des Bundesverfassungsgericht schließt daher eine Lücke, denn Intersexuelle können ihr Geschlecht nun auch in ihren Pässen und im Melderegister ausweisen.

Für wen könnte eine Neuregelung gelten?

Genaue Zahlen gibt es nicht. "In Deutschland leben schätzungsweise 100.000 Intersexuelle, die mit unterschiedlichen Geschlechtermerkmalen ausgestattet sind und sich einer traditionellen Geschlechtszuordnung entziehen", sagt Sandro Wiggerich vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD). "Während sich viele von ihnen klar als Mann oder als Frau fühlen, lehnen andere eine solche Zuordnung ab oder empfinden sich als einem dritten Geschlecht zugehörig. Über ihren Anteil sind jedoch keine verlässlichen Aussagen möglich."

Mediziner gehen insgesamt von 60 verschiedenen Formen der Intersexualität aus und vermuten, dass eines von 2.000 bis 5.000 Neugeborenen mit einem nicht eindeutigen Geschlecht zur Welt kommt. In Deutschland könnte das jedes Jahr auf etwa 150 Neugeborene zutreffen

Intersexualität – was ist das eigentlich?

Bei intersexuellen Menschen sind die geschlechtsbestimmenden Merkmale wie Geschlechtsorgane, aber auch Hormone, Keimdrüsen oder Chromosomen nicht eindeutig. So kann es sein, dass manche betroffene Kinder beispielsweise eher wie ein Mädchen aussehen, aber im Erbgut ein Y-Chromosom haben. Andere wiederum werden mit einem weiblichen Geschlecht geboren, aber der Körper produziert so viele männliche Hormone, dass die Betroffenen eher wie ein Junge aussehen. Mediziner sprechen unter anderem auch von "Störung der Geschlechtsentwicklung", ein Ausdruck, der von vielen Intersexuellen abgelehnt wird. Denn wie im Fall, über den das Bundesverfassungsgericht nun urteilte, wollen manche intersexuelle Menschen nicht konkret auf eines der beiden Geschlechter festgelegt werden.

Bis zur sechsten Schwangerschaftswoche trägt übrigens jeder Fötus Anlagen für beide Geschlechter in sich. Erst danach prägen die Gene ein männliches oder weibliches Wesen. Die Chromosomenpaarung XY lässt Hoden und später den Penis wachsen, ein XX-Chromosomenpaar Eierstöcke, Gebärmutter und Klitoris. Manchmal aber fehlen Chromosomen oder sind überzählig.

Mediziner unterscheiden rund 20 Varianten der Intersexualität. Die häufigsten sind demnach das Adrenogenitale Syndrom (AGS, Häufigkeit: 1:10.000 Neugeborenen), Gonadendysgenesien und das Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS). Beim AGS werden zu viele männliche Geschlechtshormone gebildet. Das führt dazu, dass AGS-Babys trotz eines XX-Chromsomensatzes männlich wirken. Eine Gonadendysgenesie zeichnet sich durch unvollständig ausgebildete Keimdrüsen (also Hoden oder Eierstöcke) aus, die Geschlechtschromosomen sind hingegen eindeutig. Bei Jungen beispielsweise sind die Hoden nicht richtig ausgebildet und es werden infolgedessen zu wenig männliche Hormone produziert.

Beim AIS hingegen liegt ein männlicher Chromosomensatz vor, aber der Körper kann die männlichen Hormone, vereinfacht ausgedrückt, nicht "umsetzen" – das führt dazu, dass das Baby wie ein Mädchen aussieht, obwohl es keine Gebärmutter und Eierstöcke hat. Manchmal kann nur ein Teil der männlichen Hormone verarbeitet werden. Dann kann das Kind verschiedene sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale haben. Und dann gibt es noch Störungen der Androgenproduktion, wobei ein Baby mit einem XY-Chromosom durch einen Enzymmangel keine männlichen Geschlechtshormone bilden kann und daher aussieht wie ein Mädchen.