Mir wird immer etwas mulmig, wenn sich Beobachter des Zeitgeschehens darüber beklagen, dass irgendwo immer nur "weiße Männer" oder "alte weiße Männer" auftreten. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, überall mehr Frauen zu sehen, junge Frauen gar, und Menschen anderer Hautfarbe. Ich frage mich bloß immer: Muss man denn die einen herabwürdigen, um die anderen zu emanzipieren?


In der Beschwerde über "weiße Männer" steckt ja mehr als die Abwehr von offener oder unterschwelliger Diskrimierung. Sie ist eine Unterstellung, die selbst auf eine Diskrimierung hinausläuft: Jemand, der weiß ist, männlich und ein gewisses Alter hat, bringt höchstwahrscheinlich ein bestimmtes, nämlich falsches Denken mit.

Ich persönlich kenne eine Menge älterer weißer Männer, das bleibt in Deutschland ja nicht aus. Und wenn man ein paar von denen auf ein Podium setzen würde, stritten sie sich, dass die Fetzen flögen. Was mich auf den total radikalen Gedanken bringt: Wir alle, ob weiß, braun, schwarz, männlich, weiblich, alt, jung, sind Bürger mit demselbem Anspruch auf Gehör, Achtung und Differenzierung. Und dieser selbe Achtungsanspruch verbietet es, irgendwen wegen nicht veränderbarer Eigenschaften anzugreifen oder in ein Lager einzusortieren. Natürlich gilt das auch gegenüber weißen Männern.

Neulich passierte es mir selbst. Ich hatte mich auf Twitter über den Vorschlag von Justizminister Heiko Maas (SPD) lustig gemacht, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben. Ich halte das für falsch, denn Grundrechte gelten selbstverständlich auch für Kinder. Deswegen schrieb ich, leicht hämisch:

"Viel zu wenig! Wir brauchen auch:
Babyrechte
Teenagerrechte
Erwachsenenrechte
Seniorenrechte
Mann. Das GG ist keine 'Awareness'-Resolution"

Darauf antwortete ein User namens Ario Mirzaie:

"Soll das etwa witzig sein? Peinliches Posting eines privilegierten weißen Mannes."

Mit der Beschreibung meiner Person hat der User nun unzweifelhaft recht. Ich bin weiß, und ich bin privilegiert. Als ZEIT-Redakteur habe ich einen super Job, verdiene gutes Geld, darf meine Meinung regelmäßig an exponierter Stelle kundtun und ich hatte wegen meines Namens nie Schwierigkeiten, einen Vorstellungstermin oder eine Mietwohnung zu bekommen. Zudem bin ich auch nicht der Typ, den die Polizei anhält, um den Aufenthaltstitel zu kontrollieren. Für einige dieser Privilegien kann ich nichts, andere sind das Ergebnis harter Arbeit.

Aber was hat das alles mit meinem Argument gegen Kinderrechte im Grundgesetz zu tun?
Rein gar nichts.

Was ad-hominem-Angriffe angeht, bin ich als Journalist zugegebenermaßen mittlerweile abgestumpft (was wieder auch ein Privileg ist). Aber ich kann mir schon vorstellen, dass anderen weißen Männern bei einem solchen Spruch die Hutschnur platzt.
Die banale Wahrheit ist, dass selbst privilegierte Menschen sich zu Recht angegriffen fühlen können, wenn man sie als Mitglied einer irgendwie problematischen Masse bezeichnet. So viel über die polarisierende Wirkung von identity politics, einem aus den USA stammenden Begriff. Die race card zu spielen, wenn man kein Argument auf der Hand hat, ist von links genauso behämmert wie von rechts.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Mark Lilla beschreibt es als das große Versagen der Demokratischen Partei (deren Mitglied er selbst ist), den Vereinigten Staaten nach dem Individualismus-Hype der Reagan-Ära keine frische Vision von einem gemeinsamen Schicksal des Landes angeboten zu haben.

"Stattdessen haben sie sich der Bewegung der Identitätspolitik verschrieben und dabei den Sinn dafür verloren, was wir als Bürger teilen und was uns als Nation ausmacht", schreibt Lilla in seinem Buch The Once and Future Liberal. Identitätspolitik sei Reaganismus für Linke. Das Ergebnis, so der Columbia-Professor, sei ein "Raum voller Studenten, die einander argwöhnisch beäugen" und Bürger, die nicht mehr fragten, was sie für ihr Land tun könnten, sondern was das Land ihnen auf Grundlage ihrer Identität schulde.

Ein solches Wettrennen um den schönsten Opferstatus sollten wir uns hierzulande ersparen. Ein Wettstreit um die besten Ideen wäre sinniger. Völlig egal, wie der Kopf aussieht, aus dem sie kommen.