Bereits als kleines Mädchen wusste ich, dass ich es als Frau nicht einfach haben werde. Mit zehn Jahren lernte ich, dass ich meinen babyblauen kurzen Rock in den konservativen Stadtvierteln Istanbuls nicht tragen konnte, ohne belästigt zu werden, sogar wenn meine Eltern bei mir waren. In den modernen Stadtteilen und an der Westküste der Türkei konnte ich mich hingegen freizügig kleiden wie in meiner deutschen Heimat. Lange habe ich deshalb daran geglaubt, dass die deutsche Gesellschaft frei von Sexismus sei, dass zumindest die deutschen Frauen selbstbestimmt leben könnten.

Denn ich selbst lebte zunächst nach den Regeln der türkischen Gesellschaft, obwohl ich die Heimat meiner Eltern nur aus den Sommerferien kannte. Viele Migranten erleben das. Besonders junge Mädchen mit türkischen oder kurdischen Wurzeln bemerkten früh, dass Freiheit für Frauen in ihren Communities nicht selbstverständlich ist.

Wir waren vor allem Töchter und Schwestern

Die Emanzipation der Frau war in meiner Familie wie in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft ein paradoxes Thema. Meine alevitisch-laizistische Gemeinschaft hat zwar den Anspruch, dass Männer und Frauen gleichberechtigt, aufgeklärt und modern leben sollen, ist aber gleichzeitig von traditionellen und patriarchalischen Normen geprägt. Die Menschen leben nicht individualistisch, sondern im Kollektiv der Familie. Man fürchtet sich davor, dass ein abfälliges Wort über die eigene Tochter fällt. In die Disco gehen, eine Liebesbeziehung im Teenageralter, die Beine übereinanderschlagen – all das war verpönt.

Gleichzeitig haben unsere Eltern uns zu selbstbewussten Frauen erzogen. Sie haben uns ermutigt, ein von Männern unabhängiges Leben zu führen. "Ein Mädchen soll studieren", sagten Verwandte, Bekannte und wildfremde Frauen und Männer zu mir, als ich noch klein war. Entsprechend dem türkisch-republikanischen Frauenbild, sollten wir uns modern kleiden, gebildet und selbstbewusst sein. Aber unseren eigenen Träumen und Ideen wurden immer wieder Grenzen gesetzt. Die Sätze begannen mit "In unserer Kultur ..." und endeten mit "... das sind Deutsche, bei uns gibt es das nicht". Wir waren vorrangig Töchter, Schwestern, Nichten und Enkelinnen.

Doch wir beriefen uns auf die deutsche und auf die europäische Gesellschaft und kämpften um jede Nacht in einem Club, um ein Auslandssemester und um eine eigene Wohnung. Wir mussten uns ständig den Widersprüchen unserer Erziehung stellen, die uns Mädchen gleichermaßen gestärkt und geschwächt, gefördert und gebremst hat. Studieren sollten wir, aber bitte nicht aus der elterlichen Wohnung ausziehen. Ein fester Freund war okay, aber ja nicht mit ihm alleine in den Urlaub fahren. Whisky-Cola wurde uns großzügig auf Hochzeits- und Familienfeiern ausgeschenkt, aber nach Mitternacht klingelten unsere Handys unentwegt, weil wir mit Anfang 20 noch nicht zu Hause waren.

Mit Patriarchalismus vor Sexismus schützen

In meiner Community werden Mädchen gerade von ihren Vätern und männlichen Verwandten darin bestärkt, sich nicht unterkriegen zu lassen und für ihre Rechte zu kämpfen. Wir wurden über den Sexismus auf dieser Welt aufgeklärt und man versuchte, uns mit patriarchalischen Regeln davor zu schützen. Selbstbewusst und stark sollten wir sein. Die Waffe, die sie uns gaben, richteten wir mit den Jahren gegen unsere eigene Community. Heute leben viele junge Frauen mit türkischen Wurzeln weitaus freier als noch vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren.

Natürlich gibt es daneben auch viele junge Musliminnen, die erst dann ihre Freiheit erlangen, wenn sie ihre weiblichen Reize verhüllen und ein Kopftuch tragen. Sie folgen weiterhin den patriarchalischen Prinzipien ihrer Kultur und Religion, indem sie den Sexismus nicht bekämpfen, sondern umgehen. Auch sie glauben, dass sie auf diese Weise emanzipiert leben können. Wir wollten jedoch nicht nur frei sein. Wir wollten auch nicht mehr als Kollektiv denken und von der Gemeinschaft bevormundet werden.

Je freier ich als Frau wurde, desto mehr konnte ich mich mit meiner deutschen Identität anfreunden. Und je mehr ich mich der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlte, desto mehr pochte ich auf meine eigenen Rechte. Ich glaubte jedoch, dass ich hier als starke und selbstbewusste Frau vor Benachteiligung geschützt sei. Das war ein Trugschluss. Der deutsche Sexismus ist deshalb so fatal, weil er das Weibliche insgesamt abwertet. Selbstbewusste, gebildete Frauen spüren den Sexismus am stärksten, weil sowohl Männer als auch Frauen in ihrer Kraft eine Bedrohung sehen.