Als sie ihr Gewehr ausrichtet, zittert Diana. Adrenalin strömt durch ihren Körper, wie sie es sonst nur vom Sport kennt. Aber hier geht es um ein Leben, gleich löscht sie es aus. Ihre Beine machen nicht, was sie sollen, die Füße schlagen immer wieder auf. Der Holzboden unter ihr kracht. Sie drückt ab, der Schuss sitzt. Das Wildschwein, eine Bache, sinkt zu Boden.

Ein Jahr ist es jetzt her, dass Diana Bäder ihr erstes Tier erlegt hat. Sie sitzt in der Nähe des rheinland-pfälzischen Ortes Desloch bei Meisenheim auf Hochsitz Nummer fünf, wartet auf Beute und erinnert sich zurück an jenen besonderen Moment, in dem ihr eigener Körper ihr nicht mehr gehorchen wollte. Das, sagte ihr Vater später, nenne man Jagdfieber. Heute hingegen scheint alles ruhig. Über ihr quietscht nur eine Fledermaus.

Diana Bäder hatte Glück, vor einem Jahr, denn das Wildschwein hatte sie zu spät wahrgenommen. Obwohl die Tiere sehr klug sind und eigentlich ausgezeichnet winden und äugen, wie es in der Jägersprache heißt, also riechen und sehen. Von der Bache abgesehen hat die 20-Jährige bisher erst ein Reh geschossen. "Jagen kann man nicht von jetzt auf gleich." Als Kind zog Diana schon mit ihrem Vater durch die Wälder, selbst schießen darf sie seit einem Jahr. Seitdem ist sie Jungjägerin, das sind die, die vor weniger als drei Jahren ihre Prüfung bestanden haben.   

Der Anteil der Jägerinnen nimmt zu

Die Anzahl der Jägerinnen ist in Deutschland so hoch wie nie zuvor. Dem Deutschen Jagdverband (DJV) zufolge machten Frauen Ende der 1980er-Jahre nur etwa ein Prozent aller Jäger aus. Heute sind es bundesweit sieben Prozent, in Rheinland-Pfalz, wo Diana Bäder jagt, sogar neun Prozent. In den Prüfungskursen sitzen im Schnitt 20 Prozent Frauen. Ein Fünftel von ihnen sind Studenten, Schüler oder Auszubildende, wie Diana Bäder, die Sport studiert.

Aber nicht nur unter den Frauen, sondern ganz generell steigt das Interesse an der Jagd. Zwischen 1990 und 2016 wuchs die Zahl der Jagdscheininhaber um 22 Prozent an, auf 381.821.

Auch Sarah Wirtz jagt in Rheinland-Pfalz. Sie ist 29 Jahre alt und sitzt etwa 16 Kilometer entfernt von Diana Bäder auf einer Kuppel in Weinsheim, umgeben von einem Tarnzelt. Sarah Wirtz flucht. Vor einer halben Stunde hat sie ihren Jeep weiter oben am Wegesrand abgestellt und ihr Gewehr mit orangem Schaft über die Schulter gehängt. Orange können die meisten Wildtiere mit ihren Augen nicht wahrnehmen. Immer wieder setzt die junge Frau ihren Blatter an den Mund, ein Pfeifstück, das den Ruf von Rehen oder Kitzen imitiert. Und es klappt, ein Rehbock taucht tatsächlich auf.

Jetzt schaut Sarah Wirtz auf die vor ihr liegende Wiese und ärgert sich. Sie hat den Bock mehrmals gesehen, doch immer war ein Hindernis im Weg. "Die Trefferfläche ist kaffeetellergroß." Sie liegt hinter dem Schulterblatt, erklärt sie. Dort sitzt das Herz. "Ich experimentiere nicht gerne herum, ich schieße nur, wenn ich mir wirklich sicher bin." Der Rehbock ist ihr entwischt. Seit Januar ist das hier ihr neues Jagdrevier, 400 Hektar ist es groß. "Es dauert etwa ein Jahr, bis man sich wirklich gut auskennt."