Kinderarbeit hat viele Gesichter. Um genau zu sein: Mindestens 152 Millionen, denn so viele Fünf- bis Siebzehnjährige sind laut der Internationalen Arbeitsorganisation (Ilo) weltweit Kinderarbeiter. Viel wurde über sie in den Medien berichtet, aber wie fühlen sie sich eigentlich, wie bewerten sie ihre Lage? Das versucht das Projekt Time to talk von der Kindernothilfe und Terre des Hommes herauszufinden. Die teilweise überraschenden Ergebnisse präsentieren die Organisationen derzeit auf der vierten Weltkonferenz zur nachhaltigen Beseitigung der Kinderarbeit in Buenos Aires. "Durch den Bericht können wir die Stimmen von Kindern einbringen", sagt Anne Jacob von der Kindernothilfe.

Befragt wurden rund 1.800 Jungen und Mädchen aus 36 Ländern. Sie leben in Asien, Lateinamerika, Afrika dem Mittleren Osten und Europa, sind zwischen fünf und 18 Jahren alt und müssen regelmäßig arbeiten.

Stolz auf das Lob der Eltern

So wie Dinash. Während andere Kinder in die Schule gehen, macht er sich jeden Morgen auf den Weg in eine Weberei. Seit einem Jahr verdient der 13-Jährige hier ein wenig Geld. "Natürlich wäre ich lieber auf der Schule geblieben, aber wovon sollen meine herzkranke Mutter und ich dann leben?", fragt der Junge aus Indien. Auch Ahmed arbeitet. "Lieber würde ich spielen", sagt der Zwölfjährige, der seit drei Jahren am Wochenende Tabakblätter sortiert. "Aber meine Eltern sagen, jeder in der Familie muss seinen Teil beitragen." Er weiß, dass Kinderarbeit in seiner Heimat Tansania gesetzlich verboten ist, gehorcht seinen Eltern aber trotzdem. Es mache ihn stolz, von ihnen gelobt zu werden, sagt er. Dann vergisst er sogar den Tabakstaub in seiner Brust.

In der Befragung der Kinder zeigt sich laut Jacob, dass sie auch positive Seiten an ihrer Arbeit entdecken: Manche sagen, sie seien stolz, ihre Familien unterstützen zu können, die Arbeit mache sie eigenständig. So wie die 17-Jährige Madhu aus Nepal. Am Vormittag geht sie in die Schule und arbeitet von mittags bis abends in einem Spa- und Yogacenter. Danach macht sie ihre Hausaufgaben und geht gegen 22 Uhr ins Bett. Arbeiten zu müssen, betrachtet die als Selbstverständlichkeit, damit ihre Familie Schulmaterialien und Kleidung kaufen kann. Sie klagt aber über "schwierige Situationen" am Arbeitsplatz – viele hielten sie für eine Prostituierte und seien wenig freundlich.

Die Befragten formulieren klar, was sich ihrer Meinung nach ändern sollte: "Sie möchten angemessen bezahlt werden und geregelte Arbeitszeiten haben. Sie fordern respektvolles Verhalten von Arbeitgebern und Erwachsenen sowie Gesetze, die sie vor ausbeuterischen, gefährlichen und gesundheitsgefährdenden Beschäftigungen schützen", fasst Jacob zusammen. Und sie wünschten sich eine Einladung der Ilo, um über ihre Situation zu sprechen und sie gemeinsam verbessern zu können. Laut der Organisation arbeiten 72 Millionen Kindern unter ausbeuterischen Bedingungen, zehn Millionen Kinder und Jugendliche leben in sklavenähnlichen Verhältnissen.

Staublungen und abgehackte Finger

Der deutsche Kinderarbeitsexperte Benjamin Pütter hat viele solcher Fälle selbst gesehen. Er weiß: "Das Wichtigste, was diese Kinder brauchen, ist Bildung." Den Fall von Madhu würde er nicht als Kinderarbeit klassifizieren. "Eine Person, die unter 15 Jahre alt ist und nicht zur Schule gehen kann, weil sie arbeiten muss, leistet Kinderarbeit", sagt Pütter, der Sozialprojekte zur Wiedereingliederung ehemaliger Kindersklaven begleitet und das Kindermissionswerk Die Sternsinger berät.

In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Kinderarbeit weltweit halbiert, berichtet er. "Aber in Bereichen, mit denen auch wir als Konsumenten zu tun haben, hat sie zugenommen", sagt Pütter. Sei es in der Textilindustrie, bei der Herstellung von Feuerwerkskörpern oder Grabsteinen. "Gut fünfzig Prozent aller neuen Grabsteine in Deutschland stammen aus Indien und sind teilweise mit Kinderarbeit hergestellt", sagt er. Bei seinen regelmäßigen Reisen nach Indien hat Pütter viele Kinder kennengelernt, die in Steinbrüchen schuften müssen. Indien verfügt weltweit über die größten Vorkommen an Naturstein, Granit für Grabsteine kommt hauptsächlich aus Südindien. In Deutschland wurden mancherorts bereits Gesetze erlassen, die den Einsatz dieser Steine verbieten.

Die Arbeit im Steinbruch ist schwer und hat gravierende gesundheitliche Folgen: Mehrfach habe er Kinder getroffen, die Finger verloren hätten, berichtet Pütter. Noch schlimmer seien aber die Folgen des Steinstaubs: Viele Kinder erkranken an Steinstaublunge, ihre Lebenserwartung ist niedrig. Viele werden nicht einmal 30 Jahre alt.

Zustände, die in Deutschland nicht vorstellbar sind. "Hier muss man Fälle von Kinderarbeit mit der Lupe suchen, wenn man denn überhaupt einen findet", sagt Pütter. Die Kindernothilfe und Terre des Hommes vermuten dennoch, dass einige Kinder auch hierzulande von Zwangsarbeit betroffen sind – dabei geht es vor allem um Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.