Ob am Frankfurter Hauptbahnhof oder im Berliner Tiergarten, ob in der Münchner oder der Hamburger Innenstadt – überall nimmt das sichtbare Elend zu. Menschen liegen eingehüllt in Schlafsäcken auf Parkbänken, in Hofeinfahrten, auf dem blanken Beton. Viele gelten als bemitleidenswert, manche als aggressiv. Die einen ertragen stumm ihr Schicksal, andere betteln. Und obwohl unser Alltag schon hektisch genug, das Leid durch die Flut an schlechten Nachrichten allgegenwärtig ist, unterbricht der Anblick der Not für einen Moment die Routine – und wirft uns in ein Dilemma: Sollen wir hinschauen, Geld spenden, oder gar: Zeit schenken? Oder geht es uns gar nichts an?

Seit Jahren nimmt die Zahl der Obdachlosen in Deutschland zu. Im vergangenen Jahr lebten laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe etwa 52.000 Menschen auf der Straße, 2008 waren es noch 20.000. Zwar gilt Obdachlosigkeit weiterhin als Randphänomen, aber zumindest in Großstädten wird sie immer sichtbarer. Doch was sehen wir da eigentlich?

Obdachlose verkörpern das archetypische Bild der Armut – und sind deren extremste Erscheinungsform in einer Wohlstandsgesellschaft. Betroffene haben nicht nur kein Dach mehr über dem Kopf, sie leiden auch an Hunger, medizinischer Unterversorgung, Kälte. Und das sieht man ihnen an, den oft verwahrlosten und meist kranken Männern und wenigen Frauen, die Plastiktüten durch die Gegend schleppen oder einfach vor uns auf dem Boden liegen. Diese Anblicke irritieren, erregen Mitleid – aber auch Angst und Abwehr, auch schon bevor der Berliner Tiergarten in die Schlagzeilen geriet, weil Obdachlose dort im Gebüsch campierten und einer eine Passantin ausraubte und ermordete. 

Aus Angst wird Verachtung

Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung befürwortete 2014 jeder dritte Befragte, Obdachlose aus Fußgängerzonen zu entfernen. Aus Angst wird Verachtung. Diese hat in Deutschland eine durchaus lange und unrühmliche Tradition, die in der nationalsozialistischen Pathologisierung Obdachloser zum "arbeitsscheuen Nichtsesshaften" ihren mörderischen Höhepunkt fand. Immerhin bis 1974 war es möglich, "Landstreicher" wegzusperren. Das alles wirkt bis ins Hier und Jetzt – nicht nur wegen der Gewalttaten, die vor allem Rechte weiterhin gegen Obdachlose verüben.

Doch es gibt auch die andere Seite: Wer nicht stört, verdient Mitleid – oder zumindest Beachtung. Und so steigen zuverlässig zum Wechsel der Jahreszeiten auch unsere Anteilnahme und die (mediale) Aufmerksamkeit: Reportagen fühlen sich für ihre Leser und Leserinnen in die Schicksale der Menschen ein, die bei Minusgraden draußen schlafen. Politiker verteilen Weihnachtsgänse. Der Wille ist da. Und auch wir, Menschen, die Arbeit, ein Zuhause und ein latent schlechtes Gewissen haben, wollen helfen – und tun uns doch schwer damit, das Leid an uns heranzulassen. Laut einer repräsentativen Umfrage der Caritas aus 2008 hatten nur vier Prozent der Bevölkerung persönliche Kontakte zu Obdachlosen. Zwischen Mitleid und Abwehr rettet uns dann auch ein langer Blick auf das Smartphone vor der Entscheidung – bis zur nächsten Straßenecke, wo wir uns mit einer Münze unserer Wahl aus dem Dilemma freikaufen. Oder wir verweisen auf den Sozialstaat, schließlich gibt es hierzulande Sozialämter und Bahnhofsmissionen. Da muss doch niemand draußen schlafen. Oder?

Als Anfang Februar 2015 ein 39-Jähriger Obdachloser vor dem Frankfurter Hauptbahnhof erfror, war das Entsetzen groß: Wie kann so etwas passieren an einem Ort, der täglich von Hunderttausenden Pendlern frequentiert wird? Seit der Wiedervereinigung sind etwa 300 Obdachlose in Deutschland erfroren. Werden wir dem wachsenden Elend gegenüber gleichgültig? In Frankfurt wurde später klar: Der Verstorbene lehnte die ihm angebotene Hilfe ab. Eine beruhigende Nachricht – und der subtile Beweis, dass Obdachlose auch irgendwie selbst schuld sind an ihrer Not. Zumindest aber, dass wir nichts damit zu tun haben. Doch das ist falsch. Die Frage ist nämlich gar nicht, ob es Menschen gibt, die den Klischees entsprechen, die Hilfe ablehnen, psychisch krank sind, verwahrlost auf der Straße schlafen. Denn die gibt es.

Es gibt in der Debatte um Obdachlosigkeit aber viel drängendere Fragen: Was sehen wir eigentlich nicht? Und geht uns das alles wirklich nichts an?

Migration - »Hier ist es besser und nicht so weit weg« Unter den Obdachlosen im Berliner Tiergarten sind auch viele EU-Bürger aus Osteuropa. Sie können nicht ausgewiesen werden, haben aber nicht sofort ein Anrecht auf Sozialleistungen oder eine Unterkunft. © Foto: AFP-TV