Dass auf Dating-Apps gelogen wird, ist hinreichend bekannt. Auch in den sozialen Netzwerken gibt es genügend Probleme mit künstlichen Identitäten – meistens, weil durch die Fake-Profile die Zahl der Follower nach oben getrieben werden soll, oder weil Roboter politische Kampagnen gegen missliebige Personen fahren. Die kann man aber noch rausfiltern. Am schlimmsten sind aber diejenigen, die eine Attrappe konstruieren, die so täuschend echt ist, dass sie anfängt zu leben – zumindest digital.

Der Schaden, den sie anrichtet, ist ein besonderer. Denn er trifft ins Herz. Und das meine ich ganz ehrlich, denn mir ist das passiert.

In der dritten Staffel der Talkshowreihe Dunja Hayali war ich auf einer Demenzpflegestation, um mich den Problemen von Betroffenen und Pflegern anzunehmen. Im Anschluss an die Sendung schrieb mich der junger Krankenpfleger Thomas Lehmann auf Twitter persönlich an, weil er die Reportage aus dem Münchener Pflegeheim gesehen hatte. 

Ich war angetan: Er war höflich und zurückhaltend, er wusste Bescheid, wollte sich kurz austauschen über das Heim und meine Eindrücke. Er wusste, dass das ein Thema ist, das mir wichtig ist und mit dem man meine Aufmerksamkeit bekommt. Ich hingegen bin immer offen für Rückmeldungen von Leuten, die ich zwar nicht kenne, die aber an meinem Schaffen interessiert sind.

Ich hatte kein Misstrauen, wir schrieben hin und her. Zu einem Treffen kam es nur deswegen nicht, weil er ausgerechnet dann, als ich in München war, für einen erkrankten Kollegen einspringen musste und keine Zeit hatte. 

Wir blieben im losen Kontakt. Ich fand das nicht bedenklich, denn online kommen auf mich immer wieder Leute zu, um sich über Themen auszutauschen.

Bei der Anzahl der Mails, die ich bekomme, fällt es mir schwer, darauf zu achten, wer sich hinter Online-Identitäten verbirgt. Ich achte nicht auf Rechtschreibfehler oder Interpunktion von Usern. Und erst recht fallen mir keine Muster hinter Schreibweisen auf.

Nachdem ich mehrere Wochen lang mit Thomas in Kontakt stand, machten mich aber andere User darauf aufmerksam, dass sich die Art zu schreiben und das Begehen der exakt gleichen Fehler bei anderen Usern wiederholten. Es ging um Kleinigkeiten: die Art der Satzstellung oder falsche Zeichensetzung.

Man möchte schreien

Ich ging der Sache nach. Die Art und Weise, wie sich Thomas mit mir austauschte, fand ich bei verschiedenen Usern wieder. Was sie vereinte, war das Wissen über meine "Schwachpunkte": Der eine gab an, einen Golden Retriever wie ich zu besitzen; der andere, besonders interessiert am Pflegethema zu sein, das mir seit jeher sehr wichtig ist.

Ich informierte eine Freundin, die mir bei der Handhabe mit sozialen Medien hilft, über meine Beobachtungen und setzte sie darauf an, die entsprechende Person ausfindig zu machen. Über Umwege fand sie sie auf Ebay-Kleinanzeigen. Meine Freundin rief sie an und konfrontierte sie mit dem Verdacht, fingierte Accounts gefunden zu haben, die sich in der Ausdrucksweise ähneln.

Seit zwei Tagen weiß ich: Thomas Lehmann existiert gar nicht. Er ist ein Realfake, die Erfindung eines Hyperfans. Die Frau, die Lehmann erfunden hat, war am Telefon geständig – und ist bei mir schon lange gesperrt auf Facebook und Twitter. Wie ich seit drei Tagen weiß, steht sie mit mir auch als Leandro Tressko, Berlingirl, Axel Graf, Pia Carreras und Bernd Lechner in Kontakt.

Der Kontakt war zwischenzeitlich derart intensiv, dass es ganze Twitter-Unterhaltungen zwischen mir und diesen Personen gab, manipuliert und gesteuert von einer einzigen Frau.  

©Dunja Hayali

Und das ist nicht nur mir passiert. Auch echte Freunde und Bekannte von mir sind Follower dieser Realfakes und wurden in den Dialog gezogen.

Ist das schon Stalking? Oder gilt das noch als kreative Fan-Aktion? Muss man da schon Angst kriegen und die Polizei einschalten, oder muss man das heute in den sozialen Medien schlichtweg akzeptieren? Wie gefährlich sind Leute, die derartig kunstvolle Lügengebäude konstruieren? Darf jeder einfach Menschen erfinden und in die Seelen von anderen kriechen?

Manche denken jetzt vielleicht, ich sei selbst schuld, und das würde anderen, nicht so leichtgläubigen Internetnutzern nicht passieren. Aber ich bin ehrlich: Ich bin einiges gewohnt und habe ein dickes Fell. Ich plädiere öffentlich für offene Kommunikation und das Prinzip "Ross und Reiter". Dass künstliche Menschen mein Vertrauen erschleichen, das schockiert mich. Ich investiere Zeit, Energie und Empathie in Attrappen. Wie viele sind es?

Und muss ich mir jetzt Roboter zulegen, die zunächst die Identität aller überprüfen, mit denen ich in Kontakt bin? Es gibt im Internet für alles eine Lösung: Rückwärtssuchen, Bilderchecks, Agenturen, Bots. Das muss ich mir jetzt konkret überlegen. Das kostet Geld und ist entwürdigend.

Was bleibt übrig? Man schämt sich für seine Gutgläubigkeit und für seine Offenheit. Man fühlt sich betrogen. Da geht es mir wie allen anderen auch, die von Realfakes verladen werden: Man möchte schreien.