Langsam kommen die Erinnerungen zurück. Tage-, nein, fast schon wochenlang hatte ich Artikel über Harvey Weinstein, Kevin Spacey und nun auch über Louis C.K. gelesen, hatte in den sozialen Netzwerken die Berichte von Frauen zur Kenntnis genommen, dabei war ich stets auf ein wenig Abstand bedacht gewesen, wollte die Sache am liebsten von mir fernhalten. Wahrscheinlich, weil ich ahnte, ließe man das alles zu nah an sich heran, es würde einen aufwühlen, beschäftigen, über die Maßen gefangen nehmen. War es nicht so, dass viele Männer in der #MeToo-Debatte eher einem medialen Phänomen zuschauten, während es für die meisten Frauen mal wieder ums Ganze ging?

Je länger die Debatte lief, desto näher ging sie mir. Weinstein war ein Mann, den ich so nicht kannte, einer, der offenbar jedes Maß verloren hatte. Kevin Spacey hatte ich in House of Cards gemocht, er hatte mich als Schauspieler fasziniert. Aber Louis C.K. war für mich ein Idol gewesen. Ein Comedian, von dem ich so gut wie alle Shows gesehen hatte, dessen neue Projekte ich verfolgt und dessen Interviews ich mir nachts auf YouTube angeschaut hatte. Louis C.K. hatte mich mit seiner Arbeit auf eine Art begeistert, wie das nur wenige männliche Comedians konnten. Jerry Seinfeld fällt mir noch ein. Was hatte ich sonst mit männlichem Humor zu tun? Eigentlich nicht viel. Aber nun auch er. Diese Einsicht ist bitter. 

Einschneidend war jedoch ein kurzer Text der Stern-Journalistin Ulrike Posche, der in den vergangenen Tagen im Internet verbreitet wurde. In dem Artikel tat sie nichts anderes als so emotionslos wie möglich eine Reihe von Situationen ihres Berufslebens zu schildern, in denen sie mit Sexismus ihrer Kollegen konfrontiert war. Ulrike Posche nämlich beschrieb auch mein Leben. Es ging in diesem Text nicht darum, dass ein schwerreicher Filmproduzent sie nachts in sein Hotelzimmer einlud, es ging auch nicht darum, dass ein weltbekannter Comedian sie darum bat, vor ihr zu masturbieren, sondern es ging um solche sehr banale Sachen wie Telefonkonferenzen im Büro. Telefonkonferenzen, bei denen einer der Kollegen plötzlich sagen konnte: "Die soll aber nicht wieder mit feuchtem Höschen schreiben." Und alle anderen lachten.

Ich möchte bei diesem Lachen bleiben. Dieses Lachen ist wichtig. Es ist der eigentliche Zweck vieler sexistischer Kommentare, wahrscheinlich der meisten. Ich kenne dieses Lachen auch, ich glaube, viele Frauen kennen dieses Lachen. Oft wird man aufgefordert, in dieses Lachen einzustimmen. Bloß kein Spielverderber sein, sich nicht so haben. Aber es ist ein höhnisches Lachen, eines, das in der Kehle sitzt und nicht aus dem Bauch kommt. Über Witze lacht man anders, mit Freunden und Ehefrauen lacht man anders, außerhalb des Büros lacht man so eigentlich überhaupt nicht.

Der Aufstieg der Frauen, die Panik der Männer

Dieses Lachen ist in Wahrheit eine Geste der Demütigung und Unterwerfung, ein Versuch der Vertreibung, der in letzter Konsequenz sagen will: Eine Frau gehört hier nicht her, eine Frau gehört nicht dazu. Ich glaube keinem Mann, der behauptet, die Aggression so eines Lachens nicht zu bemerken. Sexismus im Büro ist eine alltägliche und ziemlich eingeübte männliche Kommunikationsform, die den Zweck hat, die eigene Macht zu sichern. Frauen, zumal wenn sie selbstbewusst auftreten, stören nämlich in den Augen vieler Männer den normalen Betriebslauf, sie verändern die Routinen, die Rituale, die Übereinkünfte. Sie mischen sich ein. Noch dazu mit einer oft anderen Art zu sprechen, zu denken, zu Entscheidungen zu gelangen. Und sie könnten besser sein als man selbst. Sie könnten eines Tages der Chef sein.

Der Aufstieg der Frauen bereitet den meisten Männern Angst. Dass Frauen in großen Zahlen und mit viel Selbstbewusstsein seit einigen Jahren in die Arbeitswelt drängen, eine Sphäre, die bis vor wenigen Jahrzehnten ganz selbstverständlich ihnen gehörte, und dass der Zeitgeist dabei ganz auf der Seite der Frauen steht, versetzt viele Männer in Panik. Ich habe diese Panik in vielen Momenten gespürt, ich habe sie bei Kollegen genauso gesehen wie bei Freunden. Immer wieder droht sie dann aufzuflammen, wenn eigentlich harmlose Meinungsverschiedenheiten in grundsätzliche Auseinandersetzungen münden, wenn Kritik damit endet, dass einem gänzlich die Kompetenz abgesprochen wird.

Man darf diese Angst nicht unterschätzen, man darf sie nicht bagatellisieren. Sie hat gute Gründe: Denn die Arbeitswelt ist für Männer, anders für Frauen, der fast einzige Bereich im Leben, aus denen sie Sinn schöpfen, der ihnen eine Identität und Halt gibt. Familien können, anders als für Frauen, Männern diese Stabilität nicht ersetzen. Wenn Männer ihren Einfluss in der Arbeitswelt einbüßen, dann bleibt ihnen nicht mehr viel. So einen Verlust als schmerzhaft zu beschreiben bedeutet gleichsam, ihn zu kleinzureden. Dieser Verlust ist ein existentieller.