In Bochum ist die Terrorabwehr hübsch verpackt: Geschenkpapier verhüllt die schweren Säcke, die den Weihnachtsmarkt in diesem Jahr schützen sollen. Andere Städte haben mit Sand gefüllte Container oder gar Laster vor die Zufahrten der Plätze gestellt. Viele Märkte sind von Betonblöcken umringt, die aussehen wie überdimensionierte Legosteine. Nicht noch einmal soll es einem Terroristen gelingen, einen Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt zu steuern und Menschen zu töten, so wie Anis Amri vergangenes Jahr in Berlin. 

Sind die Märkte nun sicher? Eine absoluten Schutz vor Terroranschlägen kann es ohnehin nicht geben. Allerdings tragen auch die Betonsperren kaum zu mehr Sicherheit bei: Ein Test der Dekra im Auftrag des MDR ergab im Frühjahr, dass selbst die schwerste Variante dem Aufprall eines Lasters nicht standhält: Der schob sie bei Tempo 50 einfach zur Seite und fuhr kaum gebremst weiter. Mehr noch, die Betonklötze wurden so selbst zu gefährlichen Geschossen. Nach Angaben des MDR haben sich einige ostdeutsche Städte nach dem Crashtest in diesem Winter noch schwerere Barrieren ausgedacht: Chemnitz nutzt mit Sand gefüllte Baucontainer, Magdeburg verbindet die Betonklötze mit Ösen zu einer Kette. Erfurt stellt die Klötze teilweise in Doppelreihe und so an Bordsteinkanten, dass sie zusätzlich bremsen sollen. Ob und gegen was genau das hilft, kann jedoch niemand sagen.

Denn das Problem ist: Es gibt in Deutschland noch keine DIN-geprüften mobilen Sperren, von denen sich also sicher sagen ließe, welche Anprallenergie sie abhalten können. "Wenn Kommunen anfragen, können wir keine Empfehlung aussprechen", sagt Detlev Schürmann von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention, die auch die Bundesregierung berät. Viele der Barrieren, die dieses Jahr vor den Weihnachtsmärkten stehen, können also höchstens potenzielle Angreifer abschrecken, sie aber im Ernstfall nicht abhalten.

Neben den behelfsmäßigen Sperren lassen einige Städte dieses Jahr die Weihnachtsmärkte per Video überwachen, das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Außerdem sind fast überall mehr Polizisten im Einsatz. Auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt wurden die Polizeistreifen erneut verstärkt, nachdem am Freitag in einer Apotheke nahe dem Markt ein Paket abgegeben wurde, das mit Nägeln und einem Sprengkörper gefüllt war. Selbst internationale Medien berichteten. Erst später wurde bekannt, dass der oder die Absender wohl nicht den Markt angreifen, sondern den Paketdienst erpressen wollten. Die Angst, ein Weihnachtsmarkt könnte wieder Anschlagsziel gewesen sein, ist groß.

Was ist wichtiger: Sicherheit oder Sicherheitsgefühl?

Die Frage, die sich in Berlin und auf allen anderen Weihnachtsmärkten stellt, ist: Was ist eigentlich wichtiger, die Sicherheit oder das Sicherheitsgefühl? Das Bundesinnenministerium gab zur Eröffnung der Weihnachtsmarktsaison bekannt, es gebe eine anhaltend hohe Gefährdungslage in Deutschland. Gleichzeitig hoffe er, sagte Innenminister Thomas de Maizière, dass die Menschen zwar achtsam, aber nicht furchtsam seien. Doch die Angst vor Anschlägen ist seit Jahren sehr groß, obwohl das Risiko für den Einzelnen, tatsächlich Opfer zu werden, eher gering ist.

Das sei nachvollziehbar, sagt der Risikoforscher Ortwin Renn. Weil Terroranschläge ohne unser Zutun jeden treffen könnten, sind sie so Furcht einflößend. Das Risiko, beim Autofahren verletzt zu werden, ist viel größer – doch wirkt es laut Renn weniger bedrohlich, weil wir denken, wir könnten es einschätzen. Noch ist offen, ob die Angst vor möglichen Anschlägen viele Menschen von dem Besuch eines Weihnachtsmarktes abhält. Und ob sie sich von den Sicherheitsmaßnahmen eher geschützt oder an die Bedrohung erinnert fühlen.

Der Kriminologe Detlev Schürmann ist überzeugt, dass ein Schutz der Innenstädte gegen Angriffe mit Fahrzeugen kaum zu erkennen sein darf. Nur dann fühlten sich die Menschen auch sicher. Dafür müssten Stadt- und Verkehrsplanung sowie Tiefbau- und Ordnungsämter und die Polizei zusammenarbeiten. Die Maßnahmen, die er vorschlägt, integrieren sich ins Stadtbild: Sitzbänke oder Bushäuschen, die aus widerstandsfähigen Materialien hergestellt und so im Boden verankert sind, dass sie einen Platz sicher vor Fahrzeugen abschirmen, die dort nicht hineinfahren sollen. Und das, ohne ständig an die Bedrohung zu erinnern. Auch Kunst im öffentlichen Raum könne diesen Zweck erfüllen. Die Idee der bunt verpackten Sperren aus Bochum gefällt ihm gut – wenn denn klar wäre, was sie abhalten.