Als Selena und ihre Schwägerin loszogen, hatten sie eine dünne Plastikscheibe und einen Schraubenzieher dabei. Mit der Scheibe wollten sie unverriegelte Türschlösser aufschnappen lassen, mit dem Schraubenzieher an den Rahmen hebeln, wenn die Türen abgeschlossen waren. Selena war da 17 Jahre alt. Wenig später wies ihr der Staatsanwalt nach, dass sie versucht hatte, in mehrere Wohnungen einzubrechen. Einen Raub hatte sie auch begangen.

Wer heute Selenas Geschichte hören will, muss durch ein Labyrinth aus Betonfluren und Stahltoren gehen. Der Weg führt in einen Zellentrakt, den die Gefängnisleitung Teenager-Wohngruppe nennt. Er gilt als besserer Teil des Knasts aus den sechziger Jahren. Ein paar rosa Farbkreise zieren die nackten Wände im vergitterten Gemeinschaftsraum, Plakate mit Vornamen in bunter Schnörkelschrift hängen an den vergilbten Metalltüren, als helfe Farbe gegen die Trostlosigkeit dieses Ortes.

Bald wird Selena hier zum zweiten Mal Geburtstag feiern. Etwas verschämt tritt sie aus ihrer Zelle. Die Wimpern hat sie frisch getuscht, die Haare streng gescheitelt und zu Zöpfen geflochten. Trotz der Anstaltskleidung kann man sich gut vorstellen, wie sie mit ihrer Komplizin an Haustüren hantieren konnte, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Wer denkt schon an Einbrecher, wenn er im Hausflur Teenagern in engen Jeans und bunten Sneakers begegnet, die wie allerbeste Freundinnen aussehen, eine Handtasche über der Schulter tragen und freundlich grüßen?

Mädchen wie Selena fallen nicht auf. Das macht sie für internationale Banden zu Werkzeugen, mit denen sich viel Geld verdienen lässt. Die Münchner Polizei verbreitete im Frühjahr eine erstaunliche Hypothese: Ein südosteuropäisches Einbrechernetzwerk sei im vergangenen Jahr möglicherweise für fast jeden fünften Wohnungseinbruch in Deutschland verantwortlich gewesen. Es habe dazu vor allem junge Frauen eingesetzt. "Arbeitsbienen" heißen diese Täterinnen im Jargon der Ermittler.

Ob Selena eine solche "Arbeitsbiene" war, bleibt auch nach einem langen Gespräch unklar. Doch das Muster ihrer Taten passt zu dem, was die Polizei beobachtet. Nur wurde Selena erwischt, das ist die Ausnahme. Denn sonst ist über die jungen Täterinnen so gut wie nichts bekannt. In Meldungen über Einbrüche kommen sie meist nur als kuriose Nebensache vor: "Polizei entdeckt Schraubenzieher im BH", steht dann zum Beispiel über der Nachricht. Wie aber kommt eine Jugendliche darauf, mit Werkzeug in der Unterwäsche zum Einbrechen loszuziehen?

Von Kroatien bis nach Nordrhein-Westfalen

Im Obergeschoss eines Altbaus in München-Schwabing sind die Fachleute der Kriminalpolizei in einer speziellen Ermittlungsgruppe anderthalb Jahre solchen Fragen nachgegangen. Die Beamten haben versucht, das Einbrechernetzwerk aus Südosteuropa zu entwirren. Eine anspruchsvolle Aufgabe, viele der Verdächtigen ändern häufig ihre Namen, meist sogar legal, weil das Namensrecht in Osteuropa das leicht möglich macht. Ihre Identitäten lassen sich dann nur über Fingerabdrücke oder DNA-Spuren klären. Knapp 500 Personen haben die Münchner Ermittler dennoch ermitteln können und rechnen sie diesem "Familienclan" zu. Darunter sollen bis zu 300 aktive mutmaßliche Straftäter sein, zu einem großen Teil Frauen.

Aus diesen Zahlen haben die Polizisten ihre Hypothese abgeleitet: Wenn jede der jungen Frauen im vergangenen Jahr an 50 Tagen je zwei Wohnungen geknackt hätte, wären das 30.000 Einbrüche. Niemand weiß, ob diese Hochrechnung auch nur annähernd der Realität entspricht. Vielleicht aber kann sie als Hinweis gelesen werden auf die große Dimension dieser Mafia.

Die Beamten sind überzeugt, dass die jungen Einbrecherinnen nicht aus eigenem Antrieb losziehen. Sie glauben, dass sie für Banden unterwegs sind, dass es Planer, Logistiker, Hintermänner gibt. Die hatten bislang wenig zu befürchten. Doch das könnte sich nun ändern.

Nach Informationen von ZEIT ONLINE hat die Staatsanwaltschaft München I vergangene Woche erstmals fünf mutmaßliche Organisatoren aus dem südosteuropäischen Einbrechernetzwerk wegen schweren Bandendiebstahls angeklagt. Sie kommen aus Kroatien und gehören zu einer Roma-Familie. Die Staatsanwaltschaft hält die fünf laut Anklage für Führungsfiguren einer international aktiven, hierarchisch aufgestellten kriminellen Bande. Eigentumsdelikte seien ihr zentraler Lebensinhalt gewesen.

Die Spur der Einbrecherbande

Die fünf sollen keinen der Einbrüche selbst begangen haben. Dafür seien junge Frauen zuständig gewesen. Das Ehepaar aus einem Vorort von Zagreb, zwei seiner Söhne und deren Tante sollen die Einbrecherinnen vielmehr angeleitet, sie organisatorisch unterstützt und von den Taten profitiert haben. Alle fünf sitzen in Bayern in Untersuchungshaft.

Von Kroatien bis nach Nordrhein-Westfalen zieht sich die Spur der "Arbeitsbienen" quer durch Europa. Einige reisten nur zum Einbrechen ein, andere lebten länger in Deutschland. Die Münchner Staatsanwaltschaft erwirkte Durchsuchungsbeschlüsse in Kroatien. Die Polizei durchsuchte im Mai Häuser in einem Vorort von Zagreb und in der Provinzstadt Bjelovar. Bei den Razzien fand sie zahlreiche Schmuckstücke. "Es ist bisher fast nie gelungen, mutmaßliche Drahtzieher einer solchen Bande anzuklagen", sagt die Münchner Staatsanwältin Melanie Zur. "Wir erhoffen uns davon eine große abschreckende Wirkung."

"Wir wurden fertiggemacht"

Im vergitterten Gemeinschaftsraum des Gefängnisses zwirbelt Selena nervös am Holzkreuz ihrer Halskette. Eine Sozialarbeiterin hat sich zu der Gefangenen gesetzt und lächelt ihr aufmunternd zu. Selena hat Angst. Sie fürchtet, mit einem falschen Wort sich oder ihre Familie zu gefährden. Deshalb muss ihr Name geändert werden und ihre Lebensgeschichte lückenhaft bleiben.

Diese Geschichte beginnt in einer westdeutschen Großstadt, dort ist Selena geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Meistens jedenfalls. Selena besuchte die Förderschule, manchmal schwänzte sie, der Unterricht habe ihr keinen Spaß gemacht, sagt sie. Sie sei ausgegrenzt worden, erzählt Selena, obwohl sie fließend Deutsch gesprochen habe. "Zigeunersoße!", hätten andere ihr manchmal nachgerufen. Selena kommt aus einer Roma-Familie. "Deshalb", sagt sie, "wurden wir fertiggemacht." Ihre Eltern flohen vor Krieg und Armut aus Serbien. Selena hat einen serbischen Pass, aber sie ist ein Kind Westdeutschlands. All das hat sie geprägt.

Selena war 15, als sie einen Jahre älteren Mann heiratete. Sie erzählt davon, als wären solche Ehen nichts Ungewöhnliches. Doch kein deutsches Standesamt darf so junge Mädchen trauen. Die Zeremonie fand in der Familie statt, man feierte mit Musik und vielen Gästen, dann zog die Braut zum Bräutigam.

Die Münchner Polizei konnte im Laufe ihrer Ermittlung mitverfolgen, wie Ehen für junge Mädchen arrangiert wurden, für einen Brautpreis zwischen 50.000 und 150.000 Euro. "Das ist eher Menschenhandel als Tradition", sagt ein Beamter. "Die Mädchen werden verkauft." Diese Ehen müsse man als Investitionen in "neue Tatmittel" sehen. Der Preis orientiere sich am Talent der Einbrecherin. Die junge Frau müsse den Brautpreis durch Einbrüche abarbeiten, vermutet die Polizei.

Selenas Version geht anders. Sie sei verliebt gewesen, niemand habe sie bedrängt. Weil ihr Mann Kinder mit in die Beziehung gebracht habe, habe er Geld gebraucht. Zusammen mit ihrer Schwägerin habe sie versucht, fremde Wohnungen aufzubrechen. Die Not habe sie angetrieben. Inzwischen habe sie sich von dem Mann getrennt. So erzählt Selena es.