Afghanistans früherer Präsident Hamid Karzai hat sich gegen Abschiebungen afghanischer Flüchtlinge aus Deutschland ausgesprochen. "Fehlende Sicherheit, Hoffnungslosigkeit, deshalb ist unsere Jugend weggerannt nach Europa – schickt sie nicht zurück in die Gefahr", sagte Karzai dem Stern. Gegenwärtig herrschten in Afghanistan Unsicherheit und Gewalt, "die Sicherheitslage ist schlimm".

 Karzai warb stattdessen für ein weiteres Engagement der Bundesrepublik in seinem Land. "Arbeitet mit Afghanistan daran, dass es ein friedliches, stabiles Land wird. Dann regelt sich nicht nur die Flüchtlingsfrage."

Am Abend soll ein weiterer Abschiebeflug von Frankfurt am Main nach Kabul starten. Afghanische Behörden haben die geplante Ankunft eines Abschiebeflugs für Donnerstag bestätigt. Flüchtlingsaktivisten gehen von etwa 20 Passagieren aus, die abgeschoben werden sollen. Unter ihnen sollen neun Männer aus Bayern sein, vier aus Hamburg, vier aus Baden-Württemberg, ein Mann aus Rheinland-Pfalz, einer aus Sachsen und möglicherweise einer aus Nordrhein-Westfalen.

Der Flüchtlingsrat Bayern hat unterdessen Vorwürfe des bayerischen Innenministeriums zurückgewiesen: Die Behörde warf den Aktivisten vor, Afghanen vor Abschiebungen beim Untertauchen zu helfen. Zwar gebe man Abschiebungstermine und "Warnhinweise" auf der Website bekannt, rufe darin aber "mitnichten zum Untertauchen auf", zitiert die Welt Stephan Dünnwald vom Flüchtlingsrat Bayern. Man empfehle "potenziell Betroffenen lediglich, sich in den Nächten vor der Abschiebung möglichst nicht in der Unterkunft aufzuhalten". Das sei "völlig legitim".

Das Innenministerium sieht das anders. Dass viele der für Abschiebungen vorgesehenen Afghanen untertauchten, liege auch an dem "breiten Beratungsangebot" durch Aktivisten, hieß es dort am vergangenen Wochenende. Der Flüchtlingsrat versuche, Abschiebungen aktiv zu verhindern und bewege sich damit "an der Grenze der Strafbarkeit".

Der Flüchtlingsrat halte "Proteste und auch Aktivitäten des zivilen Ungehorsams" gegen Abschiebungen nach Afghanistan für legitim, betonte Dünnwald. Abschiebungen nach Afghanistan sind umstritten, weil sich dort der Konflikt mit den radikalislamischen Taliban drastisch verschärft und es landesweit Anschläge und Gefechte gibt. Bisher hat Deutschland mit sieben Sammelflügen seit Dezember 2016 insgesamt 128 Männer nach Afghanistan zurückbringen lassen.